Das Finanzwissen der (jungen) Deutschen: mangelhaft

Das Finanzwissen der Deutschen: mangelhaft

Im Sommer 2022 hat der Bankenverband eine Umfrage zum »Finanzwissen der Deutschen« durchgeführt. Die dpa-Meldung dazu geht durch die Medien. Schnell wird klar, dass es um die Finanzbildung und das Interesse der Bürger an Finanzthemen nicht allzu gut steht. Die Volkswirtin hat sich die Umfrageergebnisse genau angesehen. Besonders spannend sind die Ergebnisse zu den Themen »Inflation« und »Wirtschaft in der Schule«.

Ergebnisse einer Umfrage des Bankenverbandes zum Thema »Finanzwissen der Deutschen«
Die Titelfolie der Umfrageergebnisse

Die Pressemitteilung der dpa mit der Überschrift »Umfrage offenbart Lücken bei Finanzwissen« kann man bei der FAZ, Zeit oder Wirtschaftswoche lesen. Auch der Spiegel oder ntv griffen die Pressemitteilung leicht bearbeitet auf. Beispielsweise titelt der Spiegel: »44 Prozent der Jugendlichen wissen nicht, was ›Inflationsrate‹ bedeutet«.

Die Studie zum »Finanzwissen der Deutschen«

Die Volkswirtin war neugierig und fragte beim Bankenverband nach den vollständigen Umfrageergebnissen. Umgehend kam von dort die Antwort mit der Studie zum »Finanzwissen der Deutschen«. Seit dem 19. September 2022 sind die Ergebnisse der Umfrage zudem auf der Website des Bundesverbands Deutscher Banken für alle abrufbar.

Das Marktforschungsinstitut »Infas quo« führte die Umfrage im Juli und August 2022 im Auftrag des Verbandes durch. Befragt wurden gut 1.300 Menschen, das Ergebnis ist somit repräsentativ.

Die Befragten werden unterteilt in 1.022 bevölkerungsrepräsentative Personen ab 16 Jahren, hinzu kommen zusätzlich 250 Personen von 16- bis 24-Jahren
und 50 Personen ab 60 Jahren.

Die Umfrageinhalte werden in die drei Hauptkategorien »Bezug zu Wirtschaft und Finanzen«, »Wirtschafts- und Finanzwissen« und »Wirtschaft in der Schule« unterteilt.

Unkenntnis über die Inflationsrate

Die Inflation ist ein Kernthema bei der Volkswirtin. Daher wurde diese sofort hellhörig, als sie von der Studie las.

Das frappierendste Ergebnis der Umfrage wird nicht umsonst in den Artikelüberschriften anderer Medien zitiert: Unter den 16- bis 24-jährigen Befragten wissen 45% nicht, was der Begriff der ›Inflationsrate‹ bedeutet (Der SPIEGEL schreibt fälschlicherweise 44%). Die ungefähre Höhe der Inflationsrate kann nur knapp ein Viertel der jugendlichen Befragten nennen.

Unter der Gesamtbevölkerung sieht es etwas besser aus: Drei Viertel aller Befragten kennen den Begriff der ›Inflationsrate‹. 44% wissen relativ genau, dass sie im Befragungszeitraum zwischen 7,0% und 8,0% lag. Ganze 64% aller Befragten, also fast zwei Drittel, ordneten die Inflationsrate zwischen 6% und 9% ein, was ebenfalls nicht schlecht ist. Dass die Inflation irgendwie mit dem Verlust des Geldwertes zusammenhängt, sprich, dass alles teurer wird, scheint doch bei den meisten angekommen zu sein.

Dennoch sind die Umfrageergebnisse erschreckend. Die Unkenntnis speziell der jungen Bevölkerung überrascht, von der die Hälfte nicht einmal die Begrifflichkeit der Inflationsrate zu kennen scheint. Über weitere Kenntnisse über unser Finanz- und Geldsystem braucht man dann gar nicht mehr zu sprechen.

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Weitere Inhalte und Ergebnisse der Studie

Weitere Ergebnisse der Studie sind:

  • Immerhin kennen zwei Drittel aller Umfrageteilnehmer die Hauptaufgabe der EZB (und dass diese mit der Inflationsrate zusammenhängt, nämlich Preisstabilität). Unter den 16- bis 24-Jährigen ist es nur knapp die Hälfte.
  • Knapp mehr als die Hälfte aller Befragten gibt an, keine Ahnung zu haben, was an der Börse passiert. Na gut, das wissen einige Leute, die beruflich oder privat an der Börse aktiv sind, auch nicht unbedingt bzw. sie können die Zusammenhänge schwer erklären.
  • Rund 40% der Teilnehmer geben an, sich für Wirtschaft und Finanzen sehr stark (13%) oder stark (28%) zu interessieren. Wobei die Frage unspezifisch formuliert ist und unklar bleibt, was die Befragten darunter verstehen. Meinen sie das Trading an der Börse, ein allgemeine Interesse am Thema oder ob es darum geht, viel Geld zu verdienen oder darum, wie unser Wirtschafts-, Finanz- und Geldsystem funktioniert?

Mehr Wirtschaftsunterricht in der Schule?

Spannend ist die Studie auch beim Thema »Wirtschaft und Schule«.

Fast drei Viertel (72%) der Gesamtbefragten unterstützen ein Schulfach Wirtschaft. Die allermeisten (85%) würden gerne mehr zum »Umgang mit Geld« erfahren. 74% der Befragten zum »Wirtschaftssystem und der Rolle der Unternehmen«. Über das »Finanzsystem und die Rolle der Banken« wollen 69% mehr wissen.

Der Umgang mit Geld lässt sich meiner Meinung nach schnell abhandeln. Der wichtigste Tipp, den ich bekommen habe und den ich gerade jungen Menschen ans Herz lege: »Lebe nicht über deine Verhältnisse.« Konkreter gesagt: »Lebe immer ein bisschen unter deinen Verhältnissen.«

Bei den danach genannten Punkten geht es um unser Wirtschafts-, Finanz- und Geldsystem. Es scheint, dass es gut zwei Drittel aller Befragten, die mehr zum Thema Finanzen wissen möchten, auch um das zugrunde liegende System geht.

Fazit

Wie viele Menschen vertrauen blind darauf, dass unser System funktioniert, auch das Geldsystem. Wenn mehr Menschen unser Geldsystem hinterfragen würden, würde man womöglich mehr über die Nachhaltigkeit unseres Geldsystems bzw. über öffentliche Finanzierungs- und Verteilungsfragen sprechen.

Immerhin haben die Ergebnisse der Studie des Bankenverbands in der Presse Gehör gefunden.

Eine wichtige Botschaft der Umfrage ist für mich: Es sollte, gerade in der Schule, mehr über unser Wirtschaftssystem aufgeklärt werden. Für Lehrer mag eine Herausforderung sein, Absurditäten wie Negativzinsen zu erläutern, die es bis vor Kurzem gab. Oder dass sich der Wert des Geldes bei einer Inflationsrate von 8% und nicht nennenswerten Zinsen innerhalb von 10 Jahren mehr als halbiert hat (wie der Inflationsrechner ausspuckt). Oder, wie es zur Finanzkrise kam.

Es muss nicht jeder alles verstehen (das tun ja bisweilen auch diejenigen nicht, die in der Branche arbeiten, wie man im Film Oeconomia sehr schön sehen kann). Wenn Schüler bzw. Bürger beginnen, ein paar Dinge zu hinterfragen, wären wir in Punkto Finanzbildung einen gehörigen Schritt weiter. Und die Bevölkerung wäre sensibilisiert, dass es zu weiteren Krisen kommen kann und es entstünde nicht der Eindruck, Corona und Krieg seien alleinig Schuld daran und wenn sie vorbei und überwunden sind, ist die Inflationsrate automatisch wieder niedrig und alles wieder gut.

Es scheint überfällig, gerade Schüler in die Lage zu versetzen, kritisch nachzufragen.

Ein Zitat zum Abschluss:

»Eigentlich ist es gut, dass die Menschen der Nation unser Banken- und Geldsystem nicht verstehen. Würden sie es nämlich, so hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.«

Henry Ford

Das hat der Auto-Pionier und Gründer der Ford Motor Company vor bald hundert Jahren gesagt. Heute ist die Aussage weiterhin aktuell.

Mit diesem Zitat beginnt übrigens der Thriller »Das Bitcoin-Komplott« von Andreas Brandhorst (siehe Interview mit dem Autor). In diesem Roman kann man ebenfalls nebenbei einiges über unser Finanzsystem lernen. Man sieht: Es muss nicht die Schule sein, in der man sein Finanzwissen verbessert. Es gibt viele Möglichkeiten.

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