Inflation: Droht ein dauerhafter Anstieg?

Die offizielle Inflationsrate lag im Oktober 2021 laut Statistischem Bundesamt bei 4,5 %. Die Preise sind im Vergleich zum Oktober 2020 um 4,5% gestiegen. Das Thema Inflation findet mehr Beachtung, die Medien berichten verstärkt. Die Gretchenfrage: Ist die Inflation vorübergehend (auch als transitorisch oder temporär bezeichnet) oder dauerhaft (auch bleibend oder permanent)? Und welche Auswirkungen ergeben sich dadurch?

Inflation: Preiserhöhungen am Beispiel einer Teepackung
Preiserhöhungen am Beispiel einer Teepackung

Temporäre Sondereffekte

Ökonomen, die von einer vorübergehende Inflation ausgehen, nennen meist die beiden folgenden Argumente. Erstens: die temporäre Mehrwertsteuersenkung der Bundesregierung. Um die Konjunktur während der Corona-Krise anzukurbeln, senkte die Bundesregierung von Juli bis Dezember 2020 den Mehrwertsteuersatz von 19% auf 16%  bzw. von 7% auf 5%. Die verringerte Mehrwertsteuer habe 2020 für geringere Preissteigerungen gesorgt – 2021 fielen die Preissteigerungen auf dieser Basis umso mehr ins Gewicht, so die Argumentation. Diese führt beispielsweise die Tagesschau im Artikel »Volkswirte bleiben gelassen« vom 25. September 2021 an.

Zweitens wird die Krisenstimmung aufgrund der Corona-Pandemie genannt. Krisenbedingt seien die Preise gefallen und diese normalisierten sich nun. Während der Pandemie wurden die Produktionskapazitäten heruntergefahren, und nun müssten sie wieder erweitert werden, solange müsste man mit Lieferengpässen rechnen. Diese seien jedoch eher als temporärer Schock zu sehen. Dieses Argument führt zum Beispiel der Volkswirtschaftsprofessor Peter Bofinger an, wie auf Deutschlandfunk Kultur nachzulesen ist.

Verschiedene Stimmen, größere Vorsicht

Mein Eindruck ist, die Einschätzungen von Ökonomen, dass die Inflation nur temporär sei, werden vorsichtiger. Manch einer rudert zurück.

Das Manager Magazin veröffentlichte am 25. Oktober 2021 den Artikel »Warum die Inflation womöglich doch länger bleibt als gedacht« , der die Veränderung aufzeigt:

»Lange herrschte am Finanzmarkt und unter Ökonomen die Meinung vor, der aktuelle Anstieg der Inflationsraten sei lediglich ein vorübergehendes Phänomen – doch diese Einschätzung teilen immer weniger.«

Bleibt die Inflation?

Die Preise steigen derzeit branchenunabhängig: Öl, Gas, Lebensmittel, Papier, Autos und Gebrauchtwagen, Bahnpreise, Immobilien und Wohnungsmieten … Sehen wir uns einige Gründe an, die häufig für die Preisanstiege verantwortlich gemacht werden.

Energiepreise

Das Schlagwort »gestiegene Energiepreise« fällt im Zusammenhang mit der Inflation meist als erstes. Die Energiepreise sind ein wichtiger Faktor.

Die Entwicklung des Rohölpreises zeigt eine stark steigende Linie. Die Wirtschaft zog nach der Corona-Pandemie wieder an, folglich ist die Nachfrage nach Öl und Gas weltweit gestiegen. Die Fördermengen lassen sich nicht einfach verdoppeln (es ist zudem fraglich, ob die Ölproduzenten das wollen), daher stiegen die Preise massiv. Deutschland ist hier weitestgehend von internationalen Lieferanten abhängig. Bei den alternativen Energien ist noch kein Land soweit, dass es die Energieversorgung kostengünstiger decken kann – dieses Vorhaben scheint ein langer und teurer Weg zu werden.

Experten prognostizieren unterschiedliche Energiepreise für die Zukunft. Jedoch: Solange die Wirtschaft wächst, werden die Energiepreise steigen.

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Die Krux bei den Energiepreisen ist: Sie haben Auswirkungen auf alle Bereiche der Wirtschaft. Privathaushalte bekommen höhere Preise an der Tankstelle und bei den Heizkosten zu spüren. Jedes Unternehmen braucht Energie. Höhere Energiekosten bedeuten höhere Produktionskosten und werden sich daher über kurz oder lang auf alle Preise auswirken.

Lieferengpässe

Ein weiteres Thema, über das viele Zeitungen berichten, sind die Lieferengpässe. Güterknappheit ist ein Thema, das viele von uns bisher nicht kannten. Liest man die Meinung von Experten, hört man vielfach die Einschätzung, dass die Lieferengpässe bis ins Jahr 2023 andauern könnten und nicht in den nächsten Wochen oder Monaten vorbei sein werden.

»Nach unseren neuesten Erkenntnissen könnte sich die Überlastung noch bis ins Jahr 2023 hineinziehen«, sagt der Chef-Lieferketten-Ökonom beim Logistikunternehmen Flexport Chris Rogers im Manager Magazin.

Laut einer Studie des Duisburger Center Automotive Research von Ferdinand Dudenhöffer seien die Prognosen für die Automobilindustrie ähnlich: Der Mangel an Halbleitern sei gravierend. Aus Halbleitern werden Mikrochips hergestellt, welche wiederum in sämtlicher Automobil-Elektronik stecken. »Die Lieferzeiten werden länger, und Produktionsausfälle wird es auch 2022 noch geben«, zitiert das Finanzportal Onvista aus der Studie.

Demographie

Die demographische Entwicklung mag in den kommenden Jahren zu vielen Problemen führen. Sie wird auch Auswirkungen auf die Inflation haben. In den kommenden Jahren werden die geburtenstärksten Jahrgänge in Deutschland in Rente gehen. Der Fachkräftemangel wird sich zuspitzen. Weniger Arbeitsangebot bedeutet steigende Löhne. Zudem gibt es mehr Rentner, die ihr Geld vor allem für Konsumzwecke ausgeben werden. Das wird wiederum die Konsumentenpreise steigen lassen.

Manche Ökonomen, wie der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher in der Tagesschau, warnen vor einer sogenannten Lohn-Preis-Spirale. Die Argumentation: Höhere Löhne würden für höhere Preise sorgen, diese wiederum für höhere Löhne usw. Ergo: Die Gewerkschaften sollten sich doch bitte mit ihren Lohnforderungen zurückhalten. Diese Forderung ist alles andere als fair. Die Inflation trifft Arbeitnehmer ohne Spitzengehälter bereits überproportional. Menschen, die ihr Gehalt zum Leben brauchen und es für Alltägliches wie Miete und Lebensmittel ausgeben, spüren die höheren Preise bereits. Geradezu perfide erscheint die Forderung von Herrn Fratzscher, wenn daneben die Meldung zu lesen ist, dass die Renten 2022 um circa 5% steigen sollen, wie unter anderem die Tagesschau berichtet. So viel zum Thema Generationengerechtigkeit.

Umwelt

Zurück zum Thema Inflation und einem anderen Aspekt: dem Klimawandel. Im Artikel »Why Everything is Suddenly Getting More Expensive — And Why It Won’t Stop« argumentiert der Autor, dass vor allem aufgrund von Umwelteinflüssen die Preise zukünftig weiter steigen werden. Der Grund: Unsere Wirtschaft habe die Kosten der Produktion auf die Umwelt externalisiert. Sprich, negative Folgen für die Umwelt jeglicher wirtschaftlicher Aktivität haben sich in Konsumentenpreisen nie widergespiegelt. Nun müssten wir beginnen, dafür Rechnung zu tragen: Die ersten Folgen des Klimawandels sind zu spüren, durch Naturkatastrophen wären bereits einige Firmen geschädigt worden, was unter anderem zu Lieferengpässen führe. Da sich die Folgen des Klimawandels in Zukunft noch stärker auf unser Leben und die Wirtschaftsaktivität auswirken werden, seien die bisherigen Preisanstiege nach Meinung des Autors erst der Anfang.

Wie schnell sich die Klimaveränderung weiter auf die Umwelt auswirken wird, wird man sehen. Dass sich der Klimawandel auch auf unsere Produktionsstrukturen und folglich die Preise auswirken können, ist nicht zu bestreiten. Und: Um unser Wirtschaftssystem am Laufen zu halten, brauchen wir ständiges Wachstum (hier kann man den Zusammenhang zwischen Schulden und Wachstum nachlesen). Es kann kein unbegrenztes Wachstum ohne Nebenwirkungen in einer Welt mit begrenzten Ressourcen geben .

Die Rolle der Zentralbanken

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. So lautet eine, wenn nicht die Grundregel der Ökonomie. Wir haben gesehen, dass eine steigende Nachfrage auf begrenztes Angebot trifft. Also steigen die Preise. Schlagen wir nun den Bogen zur Geldpolitik: Die Zentralbanken betreiben eine lockere Geldpolitik: Die Zinsen sind seit geraumer Zeit bei 0%, Staatsanleihen werden aufgekauft und die Märkte mit Geld versorgt. Dies alles, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Während der Pandemie wurde diese Politik verstärkt. Das Signal: Geld ist genug da. Frisch »gedruckt« von der Zentralbank. Die Preise können also steigen, weil es Staaten, Firmen und Privathaushalte gibt, die Geld zum Ausgeben haben (das Geldvermögen der Deutschen stieg 2021 auf ein Rekordniveau, wie tagesschau.de berichtet. Die Verteilungsproblematik ist ein anderes Thema, das an dieser Stelle außer Acht gelassen werden soll).

Das offizielle Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) ist 2%. Der aktuelle Wert von 4,5% liegt eindeutig darüber. Doch die EZB denkt nicht an eine restriktivere Geldpolitik. Mit Zinserhöhung als Gegensteuerung zur Inflation sei nicht zu rechnen, wie sie nach der jüngsten Sitzung verlauten ließ (siehe Pressemitteilung). Warum tut die EZB nichts? Sie befürchtet, dass es bei Zinserhöhungen zu einem Kollaps des Wirtschaftssystems komme. Denn die Verschuldung ist enorm. Im Artikel »Das Dilemma der Zentralbanken« habe ich das Problem bereits erläutert.

Wie lange bleibt die Inflation nun?

Alle Einschätzungen zur Dauer und Entwicklung der Inflation sind Prognosen. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob die Inflation weiter steigen oder sich abschwächen wird.

Ohne Frage gibt es die eingangs erwähnten temporären Effekte, die Auswirkungen auf die Inflationsrate haben. Meiner Einschätzung nach werden jedoch die anderen beschriebenen Faktoren die temporären Effekte mittel- oder langfristig dominieren. Hierzu zählt insbesondere die wachsende Weltbevölkerung. Mehr Menschen werden mehr konsumieren (wollen). Solange die Nachfrage nach begrenzten Rohstoffen und Wirtschaftsgütern steigt, werden die Preise weiter steigen. Ende offen.

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2 Gedanken zu „Inflation: Droht ein dauerhafter Anstieg?“

  1. Sehr schöne Site! Hatte etwas Kritisches über Marc Friedrich gesucht und bin hier gelandet. Bei Stelter lese ich auch schon lange mit. Der Kommentarbereich ist mir oft zu rechts, aber Stelters Beiträge findet man in der Form und Auswahl woanders nicht, oder?
    Was meinst Du denn nun wohl zur Idee, konsequent in Sachwerte umzuschichten?
    (Die größte Chance aller Zeiten 🙂

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