Mühe bei der Datenrecherche

Datenrecherche

Seit ich auf die-volkswirtin.de schreibe, habe ich viele Stunden nach Daten recherchiert. Das hatte ich nicht erwartet. Als ich vor gut zehn Jahren an meiner Diplomarbeit arbeitete, war die Datenrecherche noch einfacher. Es ist erstaunlich schwer geworden, als Privatperson überhaupt an aussagekräftige wissenschaftliche Daten im richtigen Format zu kommen.

Es überrascht nicht, dass das Geschäft mit den Daten immer weiter ausgebaut wird: Viele Anbieter haben ihre Statistiken kommerzialisiert, man muss teuer für sie bezahlen. Auf anderen Portalen muss man sich registrieren und man bekommt nur Zugang, wenn der Arbeitgeber Mitglied ist.

Es gibt jedoch ein weiteres Problem. Die Qualität der Daten spricht ihre eigene Sprache: Die Datenflut kann einen regelrecht überschwemmen. Es ist aufwändig, sich durch die umfassenden Datenbanken einer Institution durchzuklicken. Zwischen allen Indikatoren und möglichen Spezifikationen, die immer weiter ins Detail gehen, scheint das große Ganze auf der Strecke zu bleiben. Steht das sinnbildlich für die Forschung im Bereich der Volkswirtschaftslehre? Und für unsere Systeme? Alles ist so groß, so global geworden … Verstrickt man sich da lieber in Details, als das große Ganze zu begreifen? Oder zumindest den Versuch zu unternehmen? In manchen Bereichen des Lebens mag es sinnvoll sein, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man direkt beeinflussen kann. In einem Bereich wie der Volkswirtschaftslehre sollte der globale Blick aufs Ganze nicht durch Datenfluten verwässert werden.

Datenrecherche im Netz ist schwer geworden

Die lange Suche nach dem Leitzins

Für eine der ersten Recherchen benötige ich den Leitzinsverlauf der letzten Jahre der EZB. Suche ich nach einer Statistik, führt einer der ersten Google-Treffer zum Statistik-Portal Statista. Die Entwicklung des EZB-Zinssatzes für das Hauptrefinanzierungsgeschäft bis 2021. Wunderbar, die Daten, die ich will! Ich klicke auf den Download des Excel-Files. Enttäuschung. Ich muss mich registrieren, um die Daten herunterladen zu können. Das hinterlegte Daten-Abo-Modell ist elaboriert. Und teuer. Der Single-Account als Einstiegslösung liegt bei 59€ pro Monat. Den Corporate-Account mit individuellem Research-Service gibt es ab 657 € pro Monat. Den Enterprise-Account für Großunternehmen auf Anfrage.

Werbung für den Premium-Account des Statista-Portals
Werbung für den Premium-Account des Statista-Portals

Nein, ich will nicht zahlen. Dann schreibe ich den Leitzins eben manuell ab. In diesem Fall kein hoher Mehraufwand. Dass die Aufbereitung und der Verkauf von Statistiken zu einem Geschäftsmodell geworden ist, wundert mich nicht. Es ist interessant, was man sich alles einfallen lässt, um Daten benutzerunfreundlich zu machen, um zahlende Kundschaft zu gewinnen: So ordnet Statista die Entwicklung der deutschen Schuldenquote rückwärts an.

Für einen weiteren Artikel auf die-volkswirtin.de benötige ich zwei weitere Leitzinsen. Die Europäische Zentralbank (EZB) stellt die Daten bereit. Es ist sehr anstrengend, sich im Statistical Data Warehouse zurechtzufinden:

Statistical Data Wartehouse der EZB
Das Statistical Data Wartehouse der EZB

Daran erinnere ich mich aus Diplomarbeitszeiten. Nach einer langen Suche kann ich die Zinssätze sogar als Excel-File herunterladen. Immerhin.

Eigentlich nur zehn Zahlen: Die Inflationsrate in Deutschland

Für einen Artikel zur Inflation will ich die offizielle Inflationsrate in Relation zur Inflation auf Immobilienpreise setzen. Eine derartige Grafik finde ich nicht. Also selbermachen. Die Schwierigkeit: Um vergleichen zu können, brauche ich Zahlen mit dem gleichen Basisjahr.

Die Suche nach der offiziellen Inflationsrate führt mich zu Destatis, der Website des statistischen Bundesamts. Die Informationen zum Verbraucherpreisindex erschlagen mich: Die Inflationsrate für Januar 2021, eine Prognose für den Folgemonat, auffällige Veränderungen im letzten Monat. Es gibt ein Preis-Kaleidoskop, einen persönlichen Inflationsrechner, einen Eilbericht, ein Wägungsschema, lange Reihen …

Eine halbe Seite der langen Reihen des Statistischen Bundesamtes

Ich will doch nur die jährliche Inflationsrate der letzten 10 Jahre! Zehn Zahlen! Nach langer Suche werde ich fündig.

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Die Entwicklung der Immobilienpreise auf Statista ist kostenpflichtig. Ich suche und suche. Schließlich liefert mir der vdp-Immobilienpreisindex Zahlen mit dem gleichen Basisjahr. Ich bin froh, als ich zwei Stunden später zwar noch keinen Artikel für meine Website geschrieben, jedoch eine Grafik gebastelt habe.

Die ungreifbaren globalen Schulden

Ein weiteres Beispiel: Mich interessieren die globalen Schulden. Sie steigen und steigen. Ich will es etwas genauer. Handfester. Die Zahl ist zugegebenermaßen groß und sicher nicht einfach zu berechnen. Ich bin dennoch überrascht, wie wenig Material ich finde, denn ich halte diese Zahl für sehr bedeutungsvoll.

Schuldensuche: IWF

Auf der Website des Internationalen Währungsfonds (IWF) gibt es eine »Global Debt Database«. Mit sechs Indikatoren für die private Verschuldung und vier Indikatoren für die öffentliche Verschuldung:

Die »Global Debt Database« des Internationalen Währungsfonds

Klickt man auf einen der Indikatoren, erscheint eine interaktive Weltkarte, darunter ein interaktiver Zeitstrahl, der 1950 beginnt. Als Beispiel-Land wurde Schweden ausgewählt. Auf einem Diagramm kann man die öffentliche Schuldenquote Schwedens erkennen. Seit 2005. In einer Liste am rechten Rand der Seite sind alle Länder der Welt aufgelistet. Schnell wird klar, dass die Liste alles andere als vollständig ist: »Afghanistan: no data, Albania: no data, Algeria: no data […] Germany: no data.« Was? Nicht mal für Deutschland gibt es Daten. Lediglich für gut zehn Länder der Erde sind Daten verfügbar. Etwas kümmerlich.

Und vor allem: Wäre die Datenbank gefüllt, könnte ich auf der Liste am rechten Seitenrand eine analytical group auswählen. Worldwide. Die globale Verschuldung, die ich suche. Fehlanzeige. No Data. Die Optik der Seite schlägt den Inhalt um Längen.

Schuldensuche: EZB

Nächster Versuch bei der EZB. Die Zentralbank rühmt sich schließlich ihrer Daten. Das Motto: »Nichts ist wichtiger für die Geldpolitik als gute Statistiken«. Dazu gibt es sogar ein Werbevideo in sämtlichen europäischen Sprachen.

Ich gehe zum Statistical Data Warehouse auf der EZB-Website. In der Suchleiste oben rechts suche ich nach »public debt«. Und warte. Warte. Warte.

Nachricht während im Statistical Data Warehouse der EZB gesucht wird

Es tut sich nichts. Ich gebe nur debt in das Suchfeld ein und sehe, was mir vorgeschlagen wird:

  • 1. debt, domestic currency denominated
  • 2. debt, non-participating foreign currency denominated
  • 3. debt, residual maturity between 1 and 5 years with variable interest rate

Es gibt nichts, was es nicht gibt. Nur die zusammengefasste, aussagekräftige Zahl fehlt.

Gut, es geht auch um globale und nicht um europäische Schulden. Einmal abgesehen von den Nutzungsprobleme kann ich so viel Globalität von der EZB wohl nicht erwarten.

Schuldensuche: IIF

IIF – die Abkürzung hatte ich zuvor noch nicht gehört. Wikipedia gibt Aufschluss: Das IIF ist eine globale Vereinigung von Finanzinstituten, praktisch eine Lobbyorganisation der Finanzdienstleistungsbranche.

Beim IIF werde ich fündig. In einer öffentlich zugänglichen Publikation wird die globale Schuldenentwicklung in einer Grafik aufgezeigt. Unter der Grafik ist eine Tabelle. Global total public debt. Genau das, was ich suche. Dort stehen jedoch nur die Zahlen für 2019 und 2020. Schade. Darunter ein Link zum Global Debt Monitor. Ich klicke darauf. Nur für Mitglieder. Man gelangt zu einer Registrierungsseite. Ich registriere mich. Kurz darauf erhalte ich eine Mail: Wenn meine Firma ein IIF-Mitglied ist, bekomme ich Zugang. Die Black Forest Lodge ist kein IIF-Mitglied. Ich komme also nicht an die Daten. Schade.

Daten gibt es genügend. Und nichts ist umsonst

Daten gibt es genügend. Bei internationalen Organisationen sind viele Experten angestellt, um nach Daten zu forschen und Daten aufzubereiten. Nichts, was nicht untersucht wird.

Die detailreichen Daten erschlagen einen. Doch stellt sich die Frage: Bringt die gründliche Detailrecherche einen Mehrwert? Wer braucht den Wechselkurs des Österreichischen Schillings gegenüber zehn anderen Währungen: »ECB Real harmonised competitiveness indicator GDP deflators deflated of the Austrian schilling against, EER-19 group of trading partners: AU,CA,DK,HK,JP,NO,SG,KR,SE,CH,GB,US and BG,CZ,HU,PL,RO,CN,HR«? Oder den »Collective investment openness index« für Finnland (oder irgendein anderes Land?) Geht dabei nicht der Blick auf das große Ganze verloren?

Fazit: Nichts ist umsonst. Das gilt eben auch für Daten. Als Privatperson ist es schwer, überhaupt an Daten zu kommen. Und noch schwerer ist es, an aussagekräftige Daten zu kommen. Es kostet Nerven und Zeit, aber es ist dennoch nicht unmöglich, gesuchte Wirtschaftsdaten zu finden.

Die vielen Datensätze, Statistiken und Forschungen scheinen sinnbildlich für unser Konsumzeitalter zu stehen: Es gibt Müll im Überfluss. Qualität ist Mangelware.

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