Bitcoin-Expertin Anita Posch im Interview: »Bitcoin kann nicht gestoppt werden«

Anita Posch ist Bitcoin-Expertin und -Pionierin und eine wichtige Stimme in der Bitcoin-Welt. Auf ihrer Website bitcoinundco.com informiert sie regelmäßig über das Thema Bitcoin. Sie ist Gastgeberin des Bitcoin & Co. Podcasts (auf Deutsch) und der Anita Posch Show (auf Englisch). Zudem hat sie den Bitcoin-Ratgeber »Bitcoin & Co.« geschrieben (von der Volkswirtin hier besprochen). Im August 2021 erschien eine Neuauflage auf Englisch mit dem Titel (L)earn Bitcoin. Außerdem hat sie die Bitcoin-Bücher von Andreas M. Antonopoulos ins Deutsche übersetzt.

Foto lizenziert unter Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License

Ich freue mich, dass ich Anita Posch für ein Interview gewinnen konnte. Ich hatte viele Fragen an sie, unter anderem die klassisch-kritischen (Energieverbrauch, Kursschwankungen, mögliche Verbote …). Lesen Sie das Interview mit Anita Posch zu Bitcoin und C0.

Sarah Braun: Sie befassen sich seit Jahren mit dem Bitcoin, sind eine Pionierin in der Szene. Was reizt Sie an dem Thema? Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit Kryptowährungen und Bitcoin auseinanderzusetzen?

Anita Posch: Ich bin seit 1999 im Bereich Internet und E-Commerce tätig. Habe selbst Webseiten programmiert, große E-Commerce Projekte geleitet und war als Selbstständige Gründerin eines online Marktplatzes für nachhaltige Design-Produkte und für Coworking-Spaces. 2016 habe ich eine Auszeit genommen, um mir klar zu werden, wie es weiter geht. Das Thema E-Commerce und online Marketing als selbstständige Unternehmensberaterin war mir zu eng geworden und ich sah keinen Platz für einen größeren, gesellschaftlich, sozialen Beitrag meinerseits darin. Im April 2017 habe ich einen Vortrag von Shermin Voshmgir über Bitcoin und Blockchains gehört. Ihre Darstellung der Technologie und der Möglichkeit den Zugang zu Geld fairer zu gestalten, faszinierten mich und ich sah Parallelen zum Beginn des Internets. 

Sarah Braun: Zahlen Sie selbst mit Bitcoin, wo es möglich ist?

Anita Posch: Nur, wenn ich davon ausgehe, dass mein Gegenüber die Bitcoin nicht gleich in Euro umtauscht. Ich möchte Teil einer Bitcoin-Kreislaufwirtschaft sein und dieses Netzwerk unterstützen. Wenn ich Grund zur Annahme habe, dass sofort in Euro umgewandelt wird, gebe ich lieber meine Euro aus und spare Bitcoin.

Sarah Braun: Ich habe gelesen, dass es in Österreich Bitcoin-Geldautomaten gebe? Stimmt das? Haben Sie schon einmal einen genutzt?

Anita Posch: Österreich ist eines der Länder mit der höchsten Bitcoin-Automaten-Dichte der Welt. Deutschland steht aufgrund unklarer Regulierungen ohne Bitcoin-Automaten da und es gibt auch keine Exchanges mit Sitz in Deutschland. Bitcoin-Automaten sind eine gute Möglichkeit um Bitcoin auszuprobieren, weil man mit einer kleinen Summe wie 20 Euro beginnen kann. Auf Youtube gibt es ein Video von mir, wo ich zeige wie es funktioniert:

Sarah Braun: Sie sind eine der wenigen PionierINNEN und Frauen in der Bitcoin-Community, wie mir scheint. Ist das für Sie ein Thema? Ein Problem? Haben Sie das Gefühl, dass aus diesem Grund mehr Frauen Ihre Videos sehen, Ihre Podcasts hören oder Ihr Buch lesen?

Anita Posch: Ich bin das schon gewöhnt, vor 20 Jahren als ich als Webdesignerin begann, war das nicht viel anders. Gerade aus dem Grund habe ich mich in die Öffentlichkeit begeben, weil ich weiß, dass Vorbilder für junge Frauen wichtig sind, um zu sehen, dass man als Frau auch in einer männerdominierten Branche erfolgreich sein kann. Bitcoin vereint männlich dominierte Bereiche wie Finanz, Banken, Recht, Mathematik und Informatik. Klar, dass es dann wenige Frauen hier gibt. Bitcoin ist nicht der Grund dafür, der Grund sind generelle Stereotype in unserer Gesellschaft. Aus persönlicher Erfahrung muss ich leider sagen, als Frau muss man mindestens doppelt soviel leisten und können, bis technische Kompetenz anerkannt wird. Und das nicht nur von Männern, leider trauen auch viele Frauen ihren Geschlechtsgenossinnen weniger zu. Dieses Zutrauen in höhere männliche Kompetenz ärgert mich Zeit meines Lebens. Glücklicherweise gibt es Ausnahmen und für diese mache ich meine Arbeit.

NICHTS MEHR VERPASSEN
Melden Sie sich für den Newsletter an und erhalten Sie 10% auf nichts. Dafür informiere ich Sie über neue Beiträge auf die-volkswirtin.de.

Datenschutzerklärung


Ich schätze 90% meiner Zuhörer*innen sind männlich. 

Sarah Braun: Mich interessiert das Thema Bitcoin und Kryptowährungen unter anderem deshalb, weil unser Finanz- und Währungssystem erneut ins Wanken geraten könnte. Die wachsenden Staatsschulden und das Gelddrucken der Zentralbanken könnten möglicherweise zu einer Inflation, einem Kollaps des Finanzsystems führen. Dass dieses System nicht immer stabil ist, hat die Finanzkrise der Jahre 2007/2008 gezeigt. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Anita Posch: Sehr ähnlich, bis sehr schlecht. Wir wurden 2020 mit der Aussage vertröstet, dass die höhere Inflation nur temporär sein wird und dass Inflation etwas Gutes ist. Das Gegenteil ist der Fall. Die Preissteigerungen bei den Lebensmitteln fangen gerade erst an, in Österreich wurden Brot und Gebäck teurer, die Kosten für Baustoffe sind explodiert. Ich weiß oft nicht, ob Mainstream-Ökonom*innen wirklich glauben was sie sagen, oder ob wir belogen werden. Wie 2008/2009 trifft es die Kleinen, die Mittelschicht und nicht die Besitzenden. Vermögende profitieren von niedrigen Zinsen und können billig Kredite aufnehmen, mit denen sie dann wieder Vermögen erzielen. Diese Spirale hat sich vor 50 Jahren zu drehen begonnen und ist bereits überzogen. Der Effekt des heutigen Fiat-Geldsystems ist, dass wir immerwährendes Wachstum brauchen. Das ist mit den Ressourcen der Erde nicht möglich. Es ist nicht der Stromverbrauch von Bitcoin, der uns in die Klimakrise geführt hat, es ist das Fiat-Geldsystem.

Sarah Braun : Aktuell wird über den Bitcoin oft kritisch berichtet. Er sei enorm umweltschädlich, sei zum Spekulationsobjekt verkommen, werde von Kriminellen verwendet, Meldungen über betrügerische Bitcoin-Börsen machen die Runde usw. Einige Länder, darunter China, die EU und die USA, wollen den Bitcoin kontrollieren und regulieren. Meinen Sie, das könnte den Bitcoin mittel- oder langfristig so unattraktiv machen, dass niemand mehr damit bezahlen kann oder bezahlten möchte? Droht ein Bitcoin-Verbot durch die Hintertür?

Anita Posch: Das ist Stimmungsmache gegen Bitcoin. Für jedes dieser negativen Argumente, kann ich positive Gegenargumente und Fakten anführen. Alle Jahre wieder werden diese Stories ausgepackt und trotzdem steigt die Nutzung. Bitcoin ist die einzige Möglichkeit, derzeit Geld anzusparen. Es ermöglicht, Wert viel schneller und zu geringeren Kosten global zu transferieren als im Bankensystem. Es ist für alle Schichten gleich zugänglich und niemand kann es mir wegnehmen, das sind für den Großteil der Menschheit lebensnotwendige Eigenschaften.

Bitcoin kann nicht gestoppt werden. Falls einige Länder Bitcoin verbieten, wird es andere geben, die die Nutzung weiterhin befürworten. Leider übersehen viele Kritiker*innen die humanitären Vorteile von Bitcoin und wollen alle Transaktionen überwachen. Im Grund geht es ihnen darum, Steuereinnahmen zu sichern und die Kontrolle auszubauen, weshalb der digitale Euro vorangetrieben wird. Bitcoin und andere Kryptowährungen werden Privatsphäre-Schutz bieten. 

Sarah Braun : Wie stehen Sie dazu, dass mittlerweile einzelne Superreiche wie Elon Musk durch wenige Worte auf Twitter oder Konzerne wie Amazon mit einer Stellenanzeige für einen Spezialisten für Digitalwährungen den Bitcoinkurs massiv beeinflussen. Kann man noch von einer dezentralen Währung sprechen oder ist nicht mittlerweile auch hier wieder die Macht auf wenige große Investoren konzentriert? Ist das ursprünglich Bitcoin Konzept dadurch nicht ad absurdum geführt?

Anita Posch: Stimmt schon, die Idee von Bitcoin war ohne Banken auszukommen. Es war aber auch klar, dass Unternehmen und Finanzinstitutionen mitmischen werden, wenn sich Bitcoin etabliert. Neutralität und der offene Zugang für alle Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht und Status sind Grundpfeiler des Bitcoin-Netzwerks. Deshalb darf auch ein Herr Musk Bitcoin nutzen, genauso wie eine Händlerin in Nigeria. Die Kursschwankungen aufgrund diverser Aussagen werden immer geringer, je größer die Nutzung von Bitcoin wird. Dadurch wird Bitcoin nicht zu einem zentralen Netzwerk, das jemand steuern kann. Es bleibt öffentliches Gut, öffentliche Infrastruktur. Die Dezentralität wird dadurch gesichert, dass jeder und jede von uns einen Bitcoin-Node auf dem Computer laufen lassen kann, der Zahlungen validiert. Mit der Wahl der Bitcoin-Software-Version auf unserem Computer bestimmen wir mit, wie Bitcoin gestaltet wird. 

Sarah Braun : Sie sehen in Bitcoin großes Potenzial. Sie sind sogar in ein Entwicklungsland gereist, nach Simbabwe, um herauszufinden, ob es der Bitcoin dort ermöglich könnte, dass Menschen Zugang zum Finanzsystem bekommen, die bislang davon ausgeschlossen sind. Welche Eindrücke haben Sie gewonnen? Erzählen Sie uns von Ihrer Reise. Wie sind Sie bei Ihrer Analyse vorgegangen?

Anita Posch: Das kann man am einfachsten nachhören:

Sarah Braun : Funktioniert das Bezahlen mit dem Bitcoin in der Praxis? Ist der Bitcoin nach wie vor eine geeignete Lösung für die Zahlung von kleinen Beträgen? Sind die Transaktionsgebühren nicht zu hoch? Verdienen in der Praxis Dienstleister und Bitcoin-Börsen nicht zu viel mit?

Anita Posch: Wenn ich Bitcoin an Sie sende, muss ich nur die Transaktionsgebühr des Netzwerkes zahlen. Das Geld geht and die Miner, die dafür sorgen, dass die Transaktion und das gesamte Netzwerk sicher sind. Um die Dezentralität des Netzwerks zu sichern, ist es notwendig, dass die Datenblöcke relativ klein sind. Ansonsten könnten Menschen in Ländern mit langsamem und teurem Internet nicht am Bitcoin-Netzwerk teilnehmen. Sobald die Bandbreiten und Geschwindigkeiten weltweit höher werden, könnte eventuell auch die Blockgröße verändert werden. Jedenfalls sind derzeit nur rund 7 Transaktionen pro Sekunde möglich. Aber: das Lightning Netzwerk ergänzt Bitcoin und ermöglicht tausende Mikrotransaktionen zu fast Null Kosten. Deshalb wird Bitcoin mehr denn je, in der Zukunft für große und kleine Zahlungen genutzt werden. Es wird dabei nicht mehr Strom verbraucht, da für Lightning-Zahlungen kein Mining benötigt wird.

Sarah Braun : El Salvador hat als erstes Land den Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel eingeführt. Wie schätzen Sie das ein? Eine ernst zu nehmende Initiative oder eher eine PR-Aktion des überaus umstrittenen und autoritären Präsidenten Nayib Bukele.

Anita Posch: Ein bisschen von beidem. Bukele scheint ein talentierter Vermarkter seiner selbst zu sein. Durch die absolute Mehrheit seiner Partei war es möglich, den Beschluss Bitcoin zu gesetzlichem Zahlungsmittel zu machen, durchzubringen. El Salvador ist ein sehr armes Land, ohne eigene Währung, das vom US Dollar abhängig ist. Von den Stimulus-Schecks, die an die US Amerikaner*innen ausgegeben wurden, haben die Salvdorianer*innen nicht profitiert, sie ernten nur den Wertverlust des Dollars. Viele Salvadorianer*innen senden Geld aus den USA in die Heimat zurück, was sehr kostspielig ist. Das Abholen des Geldes von den Banken ist für die Menschen zeitaufwändig und gefährlich. Bitcoin bietet hier Vorteile und die lokale Wirtschaft wird von Firmen profitieren, die sich im Land aufgrund der Bitcoin Freundlichkeit ansiedeln.  

Sarah Braun: Die erste Auflage Ihres Buches »Bitcoin & Co.« war sehr praxisorientiert. Sie geben konkrete Tipps und eine Anleitung, wie man einsteigt, Bitcoins erwirbt, aufbewahrt und damit bezahlt. Sie haben Ihr Buch überarbeitet, im August 2021 ist die zweite Auflage erschienen. Was ist Neues enthalten? Welche Themen haben Sie überarbeitet? 

Anita Posch: Ich gehe näher auf das aktuelle Finanzsystem ein, wie es funktioniert, was Geld eigentlich ist und warum es eine Alternative wie Bitcoin braucht. Den Praxisteil habe ich um Sicherheitstipps und Argumente ergänzt, wieso es wichtig ist, selbst die privaten Schlüssel von Bitcoin zu verwahren. Das Buch heißt (L)earn Bitcoin, weil ich denke, dass in Zukunft das Verdienen von Bitcoin wichtiger wird. Es ist auch die günstigste und Methode, an Bitcoin zu kommen, weil man keine Gebühren fürs Tauschen zahlen muss. Ich zeige Wege, die das Verdienen von Bitcoin bereits ermöglichen.

Sarah Braun: Vielen Dank für dieses Interview!

Hinweis: Das Interview mit Anita Posch habe ich per E-Mail geführt.

Beitrag weiterempfehlen:

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.