Kritisch und konstruktiv: »Ein Traum von einem Land« von Daniel Stelter

ein Traum von einem Land. Deutschland 2040. Von Daniel Stelter

Daniel Stelter ist ein bekannter deutscher Ökonom. Er schreibt regelmäßig für Zeitungen wie die Wirtschaftswoche und das Handelsblatt. 2013 gründete er das Forum Think Beyond The Obvious. Dort kann man sich über Stelters mediale Auftritte informieren und mitdiskutieren. Seit 2019 betreibt der Ökonom auch einen wöchentlichen Podcast.

Daniel Stelter hat mehrere Sachbücher geschrieben. Im Februar 2021 erschien im Campus Verlag sein neuestes Buch mit dem Titel »Ein Traum von einem Land: Deutschland 2040«

ein Traum von einem Land. Deutschland 2040. Von Daniel Stelter

Daniel Stelter hat für sein Buch gründlich recherchiert: Die letzten 50 der insgesamt 400 Seiten bestehen aus Quellenangaben.

Der promovierte Ökonom belegt seine Thesen wissenschaftlich und erklärt genau und sachlich. Er beschreibt, was in der Vergangenheit nicht gut gelaufen ist. Dabei kritisiert er nicht nur, sondern macht viele Vorschläge. Gleichzeitig warnt er vor Wohlstandsverlusten und mahnt die Politik zum Handeln. Unverzüglich. Damit Deutschland 2040 ein »Traum von einem Land« ist. Was es nicht sein wird, wenn wir weitermachen wie bisher.

Auf den Buchseiten befinden sich viele Tabellen und Graphiken:

Zudem werden die Kernaussagen der einzelnen Buchkapitel in Boxen mit dem Titel »Aufgaben für die nächste Bundesregierung« zusammengefasst:

Die Lektüre ist auch für Nicht-Ökonomen verständlich. Wer sich nicht eingehend für jede Statistik oder Graphik interessiert, der muss diese auch nicht beachten und kann dennoch folgen.

Stelters Ziel: mehr Wohlstand

Um zu sehen, wie gut es Deutschland geht, betrachtet Stelter den Wohlstand. Dabei geht es ihm nicht nur um die materielle Komponente. Er betrachtet auch die Umwelt, soziale Gerechtigkeit, Sicherheit und richtet den Blick auf zukünftige Generationen.

Laut Stelter haben wir die Jahre vor Corona lediglich die »Illusion von Wohlstand« erlebt:

»Hinter der Fassade dieses von billigem Geld der EZB und schwachem Außenwert des Euros getriebenen Aufschwungs haben sich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und damit die Fähigkeit der Deutschen, auch künftig Wohlstand zu schaffen, deutlich verschlechtert.«

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Und die Politik hat nicht nachhaltig gehandelt:

»Die deutsche Politik hat derweil auf Konsum statt auf Investition gesetzt. Bei wichtigen Themen von Bildung bis Infrastruktur besteht ein erheblicher Investitionsstau, während die ungedeckten Versprechen zugunsten der stetig älter werdenden Bevölkerung deutlich zugenommen hat.«

Viele konstruktive Vorschläge

Damit Deutschland 2040 besser dasteht liefert Stelter zahlreiche gute Ideen und konstruktive Vorschläge. Einige Beispiele:

  • Er plädiert für eine doppelte Buchführung für den Staat, die auch zukünftige Verpflichtungen miteinschließt. Dabei verweist Stelter auf versteckte zukünftige Rentenansprüche, welche nicht unerhebliche Zahlungsverpflichtungen des Staates darstellen. Diese werden bei der Berechnung der Schuldenquote nicht berücksichtigt.
  • Zudem spricht sich Stelter für ein Einwanderungssystem basierend auf Punkten aus, demzufolge Ausländer eine bestimmte Punktzahl erreichen müssen, um einwandern zu können. Es soll vor allem gut ausgebildete Menschen aus dem Ausland anlocken. Angelehnt an das System in Kanada und anschließend auch Großbritannien.
  • Der demographische Wandel ist immer wieder Thema. Da die Erwerbsbevölkerung in den nächsten Jahren schrumpfen wird, will Stelter nicht nur gezielt die Einwanderung, sondern auch die Erwerbsbeteilung älterer Menschen gezielt fördern. Für die gesamte Bevölkerung spricht er sich für Anreize zur Arbeit aus, was auch eine Abgaben- und Steuerentlastung bedeutet.
  • Stelter wünscht sich eine Entbürokratisierung und fordert eine »Digitalisierungs- und Automatisierungsinitiative im öffentlichen Sektor«. Dabei ruft er immer wieder auf, sich funktionierende Systeme in anderen Ländern anzusehen und von diesen zu lernen.
  • Sehr spannend fand ich als Euro-Skeptikerin auch die Idee, zum Euro Parallelwährungen einzuführen. Vielleicht wäre das eine Lösung für eine friedliche Auflösung der Währungsunion?
  • Außerdem schlägt Stelter vor, einen deutschen Staatsfonds zu gründen.
Ein Traum von einem Land. Deutschland 2040. Von Daniel Stelter

Stelters Forderung nach einem effizienten Staat

Im Kern läuft Stelters Argumentation auf folgende Aussage hinaus: Wir brauchen einen besseren, effizienteren Staat. Einen »starken Staat im Sinnes des effektiven Handeln«.

Stelter kritisiert unser »kompliziertes Steuer- und Abgabensystem, das aufgrund des Wunsches der Politik, immer gezielter einzugreifen, letztendlich intransparent und damit ungerecht ist. Profiteure sind dann jene, die die Möglichkeiten des Systems zur Steuergestaltung ausnutzen können«.

Das ist Musik in meinen Kleinunternehmerinnen-Ohren.

Auch als kritische Volkswirtin stimme ich in den allermeisten Punkten mit dem Autor überein. Die Lektüre war interessant, aufschlussreich und inspirierend. Alle Thesen von Stelter sind faktenbasiert und werden verständlich erläutert. Das Buch bietet mir eine gute Argumentationsgrundlage für weitere Diskussionen.

Nur an wenigen Stellen sehe ich die Lage anders als Stelter: So stehe ich Stelters Vorschlag eines europäischen Schuldenfonds, der die Schulden eines jeden europäischen Landes um 75% des BIP tilgt, kritisch gegenüber. Das hört sich für mich wie ein Schuldenschnitt an. Bei dieser Maßnahme wäre mir die Inflationsgefahr zu hoch. Auch Stelters These, die Flüchtlinge würden nur »einfacheren Tätigkeiten nachgehen und damit eine dauerhafte Belastung für das Sozialsystem darstellen«, teile ich nicht uneingeschränkt. Welcher Deutsche ist denn bereit, diese Arbeiten zu verrichten? Auch teile ich Stelters Bedenken zum Grundeinkommen nicht, beziehungsweise würde ich ihm gerne meine Argumente und Lösungen hierfür anbieten.

Fazit: Wichtige Lektüre für die wirtschaftliche Bildung

Ein explizites Ziel des Buches lautet nicht umsonst: »den Widerspruch anzuregen, denn letztendlich gilt es, die Zusammenhänge zu ergründen, anstatt sich vorschnelle Meinungen zu bilden.«

Deshalb sollte man es lesen.

Das gilt auch für Nicht-Ökonomen. Die wirtschaftliche Bildung der Allgemeinheit liegt auch dem Autor am Herzen, wie Stelter in seinem Buch schreibt. Diese Lektüre wäre ein erster Schritt. Ein lohnenswerter.

Ich hoffe inständig, dass auch die Politiker das Buch von Stelter lesen, insbesondere die Mitglieder der neuen Bundesregierung ab kommenden Herbst. Und es sich zu Herzen nehmen.

Stelter ist eine wichtige kritische und zugleich konstruktiv-sachliche Stimme. Und das fernab jeglicher Polemik und von Crash-Prophezeiungen.


Stelter, Daniel: Ein Traum von einem Land: Deutschland 2040. Campus Verlag. Hardcover gebunden. 2020. ISBN 9783593512778. 26,00 €.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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