Der Euro: eine Fehlkonstruktion?

Eine Währungsunion ohne gemeinsame Politik hat in der Vergangenheit nie funktioniert. War aus diesem Grund der Euro von Anfang an zum Scheitern verurteilt?

Ein Euro. Wie lange wird es ihn noch geben? Bildquelle: Pixabay

Die gemeinsame europäische Währung war eine politische Entscheidung, mitunter vom damaligen Bundeskanzler Kohl forciert. Jedoch haben einige Ökonomen von Anfang an gewarnt. Sie waren skeptisch und haben bezweifelt, dass die Gemeinschaftswährung aus ökonomischen Gesichtspunkten funktioniert.

Seit der Einführung des Euro im Jahr 1999 gab es eine Serie an Krisen. Die kritischen Stimmen mehren sich.

Probleme der Europäischen Währungsunion am Beispiel von Griechenland

Ich habe im Jahr 2010 meine Diplomarbeit zum Thema »Stabilitätsprobleme der Europäischen Währungsunion am Beispiel von Griechenland« geschrieben. Es war der spannendste Teil meines Studiums. Ein meinungsprägender zudem: Seit der Diplomarbeit bin ich der Überzeugung, dass die Einführung des Euro ein Fehler war (ich kann mich rausreden, dass ich im Jahr 1999 noch zu jung für Kritik war).

Der Grund: Schließen sich verschiedene Länder zu einer Währungsunion zusammen, verliert das einzelne Land das geldpolitische Instrument der Wechselkursanpassung. Wertet die Währung eines Landes G (zum Beispiel Griechenland) gegenüber einem anderen Land D (zum Beispiel Deutschland) ab, können sich die Bürger des Landes G zwar im Urlaub weniger kaufen. Für die Exportindustrie des Landes G gibt es jedoch einen positiven Effekt: Kauft das Land D Produkte oder Dienstleistungen aus G, sind diese vergleichsweise günstig. G tut sich leicht, Güter zu exportieren. Touristen, die günstig Urlaub machen wollen, reisen nach G. Das wirkt sich positiv auf die Wirtschaft aus. Haben D und G die gleiche Währung, hat G diese Wettbewerbsvorteile nicht mehr.

Die Wechselkursproblematik

Werden Länder mit unterschiedlicher Wirtschaftskraft und unterschiedlicher Wirtschaftspolitik in einen Topf geworfen, fällt das Ausgleichsinstrument über die Wechselkurse weg. Im Fall der Europäischen Währungsunion (EWU) wurde Griechenlands Wirtschaft durch den starken Euro geschwächt. Deutschlands Exportindustrie hat hingegen jahrelang vom Euro profitiert, denn hätte Deutschland die D-Mark behalten, wäre diese gegenüber der Drachme und anderen Währungen stärker bewertet. Zwar hat Deutschlands Wirtschaft dadurch in gewisser Weise vom Euro profitiert, jedoch kann man kritisieren, dass dies vor allem den exportorientierten Industrieunternehmen zugute kam, während das Land als Ganzes ungleicher geworden ist. Zudem betreffen Deutschland die Schuldenprobleme anderer Europäischer Länder:

Der griechische Staat konnte sich in den Jahren nach der Euroeinführung zu sehr niedrigen Zinsen Geld leihen. Genau das hat Griechenland getan: Es hat zu niedrigen Zinsen äußerst viele Neuschulden aufgenommen. Es wurde nicht zukunftsorientiert investiert, stattdessen hat Griechenland seinen Staatsapparat ausgebaut. Ein paar Jahre lang hat dies niemanden interessiert. Erst mit der Finanzkrise 2007 / 2008 wurde deutlich, dass Griechenland ein Problem mit seinen Schulden hat: Zum Zeitpunkt der Finanzkrise stiegen nämlich die Zinsen für Griechenlands schulden schlagartig an, sodass die Schuldenlast anwuchs. So sehr, dass das Land sie ohne die Hilfe anderer europäischer Staaten nicht hätte tragen können.

Griechenland kam nie aus dieser Schuldenkrise heraus.

Eurokrisen und Vertragsbrüche

Die Vertragsbrüche der EWU begannen mit Griechenlands Eintritt in den Euroraum: Den Hellenen wird vorgeworfen, sich durch Zahlenbeschönigung in die Eurozone geschlichen zu haben. Jedoch blieben sie mit den Vertragsverletzungen nicht allein: Die meisten anderen Europäischen Staaten haben in den vergangenen zwanzig Jahren die vorgegebenen Verschuldungsgrenzen des Maastrichter Vertrages nicht eingehalten.

Griechenland bekommt seit 2010 in Form von kompliziert klingenden Rettungsschirmen Kredite von der EU. Das war bis dato ausgeschlossen worden. Die »Rettung der Währungsunion« rechtfertigte dieses Vorgehen. Ein Tabu wurde gebrochen: Die Europäische Zentralbank (EZB) kaufte erstmals griechische Staatsanleihen auf. Sie griff somit ins Marktgeschehen ein. Anders ausgedrückt verlor sie ihre Unabhängigkeit. Bis Dato vertraglich vorgeschrieben. Ausgehebelt. Es folgten Jahre der weiteren Verschuldung praktisch aller Euroländer.

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Folgt ein Schuldenschnitt?

Und dann kam Corona. Die Corona-Krise katapultierte den Schuldenstand in allen europäischen Ländern in neue Sphären. Die EU nahm 2020 gemeinsam neue Schulden auf: 750 Milliarden Euro. Eine Vergemeinschaftlichung der Schulden sehen viele skeptisch, da diese Politik weiteres Schuldenmachen fördert.

Warum nicht einfach die Schulden streichen? Einfach aus der Bilanz löschen. Ausradieren. Die Forderungen Italiens und anderer hochverschuldeter Euroländer werden lauter. Die Corona-Pandemie dient hierfür als ideale Rechtfertigung. Es klingt verlockend. Doch welche Botschaft vermittelt diese Forderung? Was für Anreize? Schulden machen hat sich so richtig gelohnt! Bringt das die EWU auf den richtigen Weg zurück? Die Inflationsgefahr lässt grüßen.

Noch dementiert die EZB, dass ein Schuldenschnitt kommen wird. Mal sehen, wie lange noch. In der Vergangenheit hat sie einiges abgelehnt, bis die Maßnahmen schließlich als alternativlos galten.

Euro in Gefahr. Quelle: Pixabay

Wie geht’s mit dem Euro weiter?

Der Euro hätte besser nicht eingeführt werden sollen. Das Experiment Euro hätte beendet werden sollen, als die Probleme Griechenlands und die Konstruktionsfehler 2008 erstmals zu Tage tragen. In meiner Diplomarbeit 2010 habe ich mich für die Austrittsmöglichkeit aus der EWU ausgesprochen. Die Feststellung ist rückwirkend einfach. Und was machen wir jetzt, über 10 Jahre und viele Milliarden an (gemeinsamen) Schulden später? Besser eine Auflösung der europäischen Währungsunion (durch den Austritt einzelner Länder oder komplett). Oder setzt man sich weiter für einen Erhalt der EWU um jeden Preis ein?

Eine Auflösung der EWU würde kurzfristig für Chaos sorgen. Kein Politiker würde sich mit so etwas beliebt machen. Die technischen Kosten einer Währungsumstellung sind enorm (sehr vieles müsste neu programmiert werden). Bank Runs wären in Ländern vorprogrammiert, die eine Abwertung der eigenen Währung befürchten. Chaos. Es ist nicht gesagt, dass es friedlich bleiben würde.

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende? Oder ist die Frage bald überflüssig, weil die Schulden nicht mehr tragbar sind und wir gezwungen sind, uns ein neues System zu überlegen?

Der Wunsch nach einem dauerhaft friedlichen Europa

»Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.« Hat Frau Merkel vor Jahren einmal gesagt. Das glaube ich nicht. Ich glaube nicht, dass Frau Merkel den Deutschen mit ihrer Europa-Politik etwas Gutes getan hat.

Ich bin ein begeisterter Befürworter der Europäischen Union. Wir hatten die letzten Jahrzehnte Frieden in Europa. Bis vor Kurzen konnten wir uns innerhalb der Landesgrenzen frei bewegen. Das sah vor gut 60 Jahren noch ganz anders aus. Das ist für mich die wichtigste Errungenschaft.

Seit Jahren sorgt die Währungsunion für große Spannungen und Unfrieden zwischen den Nationen innerhalb Europas. Wo gemeinschaftliche Regelungen (egal ob Währung, Gesetze etc.) zu Unmut und einem Gegeneinander der Nationen führen, dann braucht es diese nicht.

Da der Fall des Austritts eines Landes aus der Währungsunion nicht rechtlich geregelt ist, sollte das schnell geändert werden. Für den Erhalt des langfristigen Friedens, des Miteinanders und der Union in Europa. Das bedeutet in meinen Augen nicht zwangsweise und überall mehr einheitliche europäische Regelungen.

Weniger könnte mehr sein.

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