Gebraucht und ausgebeutet: osteuropäische Arbeits- und Pflegekräfte

Osteuropäische Pflegekräfte

Wie würde es in Deutschland aussehen, wenn Menschen in systemrelevanten Jobs nicht mehr arbeiten würden? Was wäre mit unserem Wohlstand, wenn wir Waren zu Billigstpreisen nicht mehr aus anderen Ländern und Kontinenten importieren könnten? Was, wenn Geflüchtete unseren Müll nicht entsorgen würden? Wenn Osteuropäer nicht mehr in Pflegeheimen arbeiten oder alte Menschen häuslich betreuen würden?

Der Altersschnitt in Deutschland ist hoch, die demographische Situation ein Problem. Stichwort Fachkräftemangel. Bereits jetzt gibt es Millionen, insbesondere Osteuropäer, die in Deutschland arbeiten.

Freizügiges Reisen und Arbeiten innerhalb der EU ist ein Grundprinzip der Gemeinschaft. Doch wie ergeht es den ausländischen Arbeitskräften? Wer profitiert von diesem freizügigen System?

Schaut man sich an, wie mit osteuropäischen Arbeits- und Pflegekräften umgegangen wird, so wirft das kein Glanzlicht auf Deutschland.

Osteuropäische Pflegekräfte und Arbeitskräfte werden in Deutschland gebraucht und missbraucht
Problematisch: Die Überalterung der deutschen Bevölkerung; Bildquelle: pixabay

Die Altersstruktur in Deutschland

Deutschland ist ein relativ wohlhabendes Land. Und ein Land mit einem relativ hohen Altersdurchschnitt. Deutschland ist zwar nicht unter den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung (um Platz 30), jedoch unter den Top-10, was den Altersdurchschnitt angeht (Statista, Jahr 2020).

Laut der Deutschen Rentenversicherung gab es im Jahr 2021 in Deutschland 21,2 Millionen Rentner. Ein Viertel der Bevölkerung.

Die Bevölkerungspyramide macht es noch anschaulicher: Es werden immer weniger Kinder geboren. Die Geburtenrate liegt bei 1,55 Kindern pro Frau. Und: Die geburtenstärksten Jahrgänge gehen demnächst in Rente. Dabei sind unsere Systeme, insbesondere das Rentensystem, jetzt schon überlastet und funktionieren nur noch über Neuverschuldung.

Arbeitskräfte aus Osteuropa

Laut der Bundesagentur für Arbeit waren zum 31.03.2021 4,4 Millionen ausländische Arbeitskräfte in Deutschland beschäftigt (13,1% der in Deutschland Beschäftigten), davon 3,4 Millionen Europäer (10,1%) und 2,3 Millionen EU-Bürger (6,8%). So viel zu den offiziellen Zahlen. Doch wie viele Menschen sind es wirklich? Wie viele Arbeitskräfte sind nicht registriert und arbeiten schwarz?

Noch eine Zahl zur Pflege: »Pflegeexperten schätzen, dass bis zu 700.000 Osteuropäerinnen in der 24-Stunden-Pflege arbeiten«, so das ZDF im Artikel »Ausbeutung rund um die Uhr?« (Stand Juni 2021).

Nicht selten geht es den Arbeitskräften aus ärmeren Ländern nicht besonders gut dabei – wirtschaftliche Not zwingt sie dazu, ihre Heimat zu verlassen und in wohlhabenderen Ländern zu arbeiten. Die Medien widmen sich dem Thema nur punktuell.

NICHTS MEHR VERPASSEN
Melden Sie sich für den Newsletter an und erhalten Sie 10% auf nichts. Dafür informiere ich Sie über neue Beiträge auf die-volkswirtin.de.

Datenschutzerklärung

In den vergangenen Monaten bin ich dennoch mehrfach auf das Thema der osteuropäischen Arbeits- und insbesondere Pflegekräfte gestoßen: in einem Radio-Feature als Podcast, in einer Reportage und in einem Roman.

Der Podcast

Im SWR2-Feature »Legale Ausbeutung – Doku über Deutschlands unsichtbare Arbeitssklaven aus Osteuropa« berichtet Charly Kowalcyk über Menschen aus Osteueropa, die in Deutschland arbeiten.

EU-Bürger können sich innerhalb der Union frei bewegen und arbeiten. Dabei haben sie die gleichen Rechte wie Bürger eines Landes. So die Theorie. In der Praxis ist etwas anderes entstanden: Ein System, in dem Millionen von Menschen aus ärmeren Ländern in reicheren EU-Ländern zu schlechten Bedingungen arbeiten. Und es werden immer mehr: »Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lebten am 31.12.2020 über zwei Millionen Menschen aus Polen, Rumänien und Bulgarien in Deutschland. 2005 waren es etwa 440.000. In nur 15 Jahren hat sich die Einwanderung allein aus diesen drei Staaten fast verfünffacht.«

Es scheint nicht verkehrt, von Ausbeutung zu sprechen. Wie funktioniert das System, in dem Arbeitskräfte legal ausgebeutet werden und sich nur schwer wehren können? In der Reportage werden mehrere Aspekte beleuchtet:

Zunächst wird der Fall einer Angestellten in einer Beratungsstelle für Polen, die in Deutschlang arbeiten, geschildert. Die Frau kündigt. Hauptgrund: Schleuser bedrohen sie. Schleuser – der wohl realitätsnähere Ausdruck für so manche Vermittlungsagentur.

Oft werden Menschen mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt. In der Realität müssen sie schuften, bis sie krank werden, und stehen machtlos da, sollte der Arbeitgeber ihren Lohn nicht bezahlen.

Statt fester Arbeitsverträge bleiben sie Leiharbeiter mit Werkverträgen.

Anstatt dass sich die deutschen Unternehmen um ihre osteuropäischen Arbeitskräfte kümmern, stellen sie lieber über Subunternehmer oder Sub-Sub-Unternehmer an.

Der Mindestlohn wird nur auf dem Papier gezahlt. In der Praxis werden vom Gehalt beispielsweise überzogene Mieten für oft unwürdige Unterkünfte abgezogen, sodass den Arbeitenden kaum etwas bleibt.

Das SWR-2 Feature zeigt, wie das Geschäft mit den osteuropäischen Arbeitskräften funktioniert, welche (legalen) Tricks diejenigen anwenden, sie sich daran bereichern. Und wie es den Verlierern dieses Systems ergeht.

Die Reportage

»Meine Oma ist dein Job – Pflegerinnen aus Osteuropa arbeiten für wenig Geld rund um die Uhr« lautet der Titel einer Story von Ann Esswein und Pascale Müller im Schweizer Magazin Reportagen.

Reportagen Magazin
Eine Ausgabe des Magazins Reportagen

Portraitiert wird eine Frau aus Georgien, Nino Tsulaia, um die vierzig Jahre alt, alleinerziehend. Finanzielle Probleme bringen sie dazu, über eine Arbeitsvermittlungsagentur nach Westeuropa aufzubrechen. Anstatt ihr den vereinbarten Lohn auszuzahlen, wirft die Agentur ihr Vertragsbruch vor. Nino Tsulaia ist macht- und hilflos. Auch sie hat, wie die meisten ihrer Leidensgenossinnen, keinen Arbeitsvertrag. Aus diesem Grund hilft ihr auch der Gerichtsentscheid vom Sommer 2021 nicht, in dem beschlossen wurde, dass auch häuslichen Betreuern und Pflegekräften der Mindestlohn zusteht.

Es gibt zahlreiche Agenturen und Vermittler irgendwo in Osteuropa, viele dieser Unternehmen scheinen nicht seriös. »Allein 744 Agenturen für häusliche Betreuung listet die Vergleichsplattform Check24 im September 2021«, so die Autorinnen der Reportage. Dies zeigt die Dimensionen des Marktes für ausländische Pflegekräfte gut auf.

Der Roman

Der Autor Marco Balzano hat das Thema im Roman »Wenn ich wiederkomme« verarbeitet, der im September 2021 im Diogenes Verlag erschienen ist.

Wenn ich wiederkomme von Marco Balzano
Der Roman »Wenn ich wiederkomme« von Marco Balzano, in dem es um eine osteuropäische Pflegekraft in Westeuropa geht

Protagonistin des Romans ist Daniela, Rumänin und Mutter zweier Kinder. Sie lässt ihre Familie zurück, um in Mailand als Altenpflegerin und Kindermädchen zu arbeiten. Illegal.

Durch die Lektüre des Buches kann man sich ein wenig besser in die Lage eines Menschens mit diesem Schicksal hineinversetzen, man kann mit Daniela mitfühlen und -leiden. Danielas Kinder bekommen ebenfalls eine Stimme.

Auch wenn das Buch bisweilen sehr klischeehaft ist, ist es lesenswert.

Im Nachwort nennt Balzano das Wort »Italienkrankheit«, ein Begriff, mit dem osteuropäische Psychiater Burnouts bei Frauen wie Daniela diagnostizieren. »Weil es in dem Land, in dem ich lebe, so viele Alte gibt, benennt man anderswo nach ihm eine Krankheit, die die Folgen des Raubbaus am seelischen und körperlichen Gleichgewicht von Millionen Frauen beschreibt; immerhin müssen diese Frauen mit komplizierten Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson klarkommen. Ihr Leiden ist für alle sichtbar, aber darüber zu sprechen fällt uns schwer«, schreibt der Autor.

EIgene Erfahrungen ALS Vermieterin

Ich bin Gastgeberin. Die Black Forest Lodge ist nicht hochpreisig, weshalb ich hin und wieder Arbeiter zu Gast habe. Die Gespräche mit den überwiegend aus Osteuropa kommenden Arbeitskräften, haben mich für das Thema sensibilisiert.

So beherbergte ich über eine Zeitarbeitsfirma mehrere Polen, die in einem Industrieunternehmen Montagearbeiten durchführten. Sie gingen alle um 5 Uhr morgens aus dem Haus und kamen spät abends wieder. Manche sprachen kaum Deutsch, andere etwas besser. Der Kontakt zu einem Mann wurde ganz herzlich, er schien am Wochenende sogar etwas die Umgebung zu genießen. Eines Tages kam er aufgelöst zu mir: Er könne mir nicht mehr den vereinbarten Mietpreis bezahlen, müsse umziehen, die Firma habe ihm mehr Geld versprochen, als ihm letztendlich ausgezahlt wurde.

Ein anderer Arbeiter wurde krank und konnte nicht mehr gehen. Die Zeitarbeitsfirma kündigte ihm nach dem zweiten Krankheitstag und kümmerte sich nicht weiter um ihn.

In Erinnerung geblieben sind mir auch die beiden LKW-Fahrer, die ich nur ganz kurz beherbergte. Sie schienen immer übermüdet, gestresst und einfach fertig mit der Welt, wenn sie bei mir ankamen und schliefen, um dann sonntags kurz vor Mitternacht, wenn LKWs wieder fahren dürfen, weiterzuziehen.

Und wie geht’s weiter?

Die Überalterung unserer Bevölkerung und der steigende Bedarf an Pflegekräften scheint kein großes Thema in der Politik zu sein.

Genausowenig gibt es Bemühungen, Schwarzarbeit und die schlechte Behandlung von ausländischen Pflege- und Arbeitskräften zu verbessern und kriminellen Organisationen den Kampf anzusagen. Stattdessen reiste der ehemalige Gesundheitsminister Jens Spahn bis nach Mexiko, um dort billige Arbeitskräfte anzuwerben.

Was wird passieren? Wohl erst einmal nicht viel. Bis die Lage durch die alternde Bevölkerung noch dramatischer wird. Sprich, bis der osteuropäische bzw. der globale Markt für Arbeitskräfte einmal leer gefegt ist. Oder bis Deutschland so an Wohlstand verloren hat, dass keiner mehr freiwillig dorthin will. Dann müssen wir uns etwas anderes überlegen. Dann müssen wir die Alten wieder selbst pflegen. Oder wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir das Land gestalten, damit auch Deutsche so entlohnt werden, dass sie bereit sind, einfachere, aber gesellschaftlich so unglaublich wichtige Arbeiten zu verrichten.

Beitrag weiterempfehlen:

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.