Für kein Gehalt der Welt – meine eigene Bullshit-Job-Story – Teil 1 von 4

Meine Bullshit Job Story 1

Neulich las ich das Buch Bullshit Jobs von David Graeber. Mit dem Schlagwort Bullshit Job konnte ich mich identifizieren: Sowas hatte ich doch auch mal. Ich kann meine eigenen Bullshit-Job-Story erzählen: Nach meinem Studium arbeitete ich 3,5 Jahre in Zürich in der Finanzdienstleistungsbranche. Dann kündigte ich. Weil ich keinen Sinn in meiner Arbeit sah. Somit waren auch meine Karriereambitionen dahin. Der Finanzbranche, wie sie heute ausgestaltet ist, stehe ich kritisch gegenüber.

Auch wenn mir der Abschied aus dem geliebten Zürich schwer fiel: Ich wollte anders leben. Nach einer 2-monatigen Pilgerreise auf dem Jakobsweg kaufte ich mir im Mai 2015 ein ehemaliges Bauern- und Pensionshaus in Igelsberg, um es zu renovieren und die Black Forest Lodge zu eröffnen. 

Nun zu meiner Zeit in Zürich, meiner eigenen Bullshit-Job-Story. Ich habe sie ausführlich aufgeschrieben. Dies ist Teil 1 von 4. An den drei kommenden Donnerstagen veröffentliche ich Teil 2, 3 und 4 der Serie.

Das schöne Zürich – die Stadt verließ ich nur ungern

Für kein Gehalt der Welt

Meine eigene Bullshit-Job-Story – Teil 1 von 4

Mai 2014

Ich starre auf den Bildschirm. Die Zahlen werden bedeutungslos. Sie verschwimmen.

Was mache ich hier?

Ich bin in der Abteilung, in die ich wollte. Die dritte Station meines Trainee-Programms.

Was in den letzten Wochen passiert ist, hat mich verstört.

Meine Arbeit

Seit knapp zwei Jahren arbeite ich in einer Rückversicherung. Ich absolviere ein Trainee-Programm, bei dem ich alle neun Monate die Abteilung wechsle. Nach dem Trainee-Programm werde ich Underwriter. Underwriter handeln mit den Kunden die Verträge aus. Rückerversicherer versichern Versicherungen, Versicherungen sind die Kunden. Es wird verhandelt, welches Risiko der Rückversicherer dem Kunden zu welchem Preis abnimmt. Nach der Verhandlung unterschreibt der Underwriter für die Rückversicherung den Vertrag, daher der Name.

NICHTS MEHR VERPASSEN
Melden Sie sich für den Newsletter an und erhalten Sie 10% auf nichts. Dafür informiere ich Sie über neue Beiträge auf die-volkswirtin.de.

Datenschutzerklärung


In der ersten Abteilung des Trainee-Programms war ich glücklich. Die »Abteilung« war: mein Chef und ich. Ein sympathischer und lockerer Mensch, der mir schnell viele Freiheiten ließ: Er merkte, welche Tätigkeiten ich ohne seine Hilfe erledigen konnte und ließ mich machen. Der gesunde Menschenverstand war Grundlage all seiner Entscheidungen.

Nach einem Vorgesetzten-Trauma im vorherigen Job in der Wirtschaftsprüfung war ich selig.

Mein Chef schätzte meine Arbeit. Er bot mir an, nach dem Trainee-Programm in seine Abteilung zurückzukehre, sodass ich einen neuen Bereich selbst aufbauen könnte. Das klang unternehmerisch. Perfekt. Das wollte ich. Auch die Geschäftsleitung wusste das.

Der Wechsel in die größte Abteilung stand nach zehn Monaten an. Ich ging ungern. Mehr Leute, mehr Organisation. Zwei Chefs, Nummer zwei und drei im Unternehmen. Die anfänglichen, teils bewussten Herausforderungen meiner Chefs meisterte ich. Bald hatte ich das Vertrauen von beiden. Ihre Anerkennung tat mir ebenfalls gut.

Ich dachte, die dritte und letzte Station des Trainee-Programms wäre klar. Fast alle dachten das.

Der Anfang vom Ende

Plötzlich Getuschel. Geheimnisse. Gerüchte. Was war los?

Nach einer Woche klärte mich Chef Nummer zwei auf: In der Abteilung gäbe es eine freie Stelle. Sofern ich mich bewerbe und den Job bekäme, würde ich direkt befördert werden. Sofern ich dies nicht tue … alles unklar. Selbst die dritte Station des Trainee-Programms.

Meine Traineekollegen waren ebenso verwirrt, ich schloss mich mit ihnen zusammen, und wir holten den Leiter einer anderen Abteilung ins Boot. Er arbeitete seit Jahren im Unternehmen und hatte gute Beziehungen zur Firmenzentrale in London. Er klärte alles auf: Chef Nummer zwei wollte mich in seiner Abteilung behalten. Anstatt mir ein Angebot zu machen, spielte er mich gegen einen Traineekollegen aus: Er wollte, dass wir uns beide auf die Stelle bewerben, hätte gerne zugesehen, wie wir konkurrieren. Zudem brachte er mich in eine Bittstellerposition.

Weil ich mich mit dem Traineekollegen zusammentat, weil wir uns nicht gegeneinander ausspielen ließen, fanden wir dies heraus.

Der andere Abteilungsleiter regelte die Dinge schnell. Ich bewarb mich nicht auf den Job und wechselte nach diesem Intermezzo in die dritte Trainee-Station.

Da sitze ich nun.

Ob ich zu meinem ersten Chef zurückkehren und etwas aufbauen darf, steht in den Sternen. Chef Nummer zwei fühlt sich von mir verraten. Wird er sich noch rächen? Er hat eine enge Verbindung zur Zürcher Firmenleitung …

Da sitze ich und die Zahlen auf dem Bildschirm verschwimmen. Was mache ich hier eigentlich? Will ich überhaupt in der Banken- und Versicherungsbranche arbeiten?

Warum habe ich mich das vorher nie gefragt? Warum habe ich nie hinterfragt, was ich mache?

Zunächst war ich zu begeistert von der Rückversicherungswelt, die ich entdecken wollte. Mein Profil ist wie geschaffen für diese Branche: Fremdsprachenkenntnisse, souveräner Kundenumgang und die analytischen Fähigkeiten eines Wirtschaftswissenschaftlers bringe ich mit.

Ich war angetan von der positiven Stimmung in der Firma. Von den netten Kollegen. Vom Fitnessstudio im Keller. Vom Büro mit Seeblick. Von der Karriereperspektive.

Idylle am Zürisee

Ich wollte verstehen, was hier passiert und wie die Dinge laufen. Und ich wollte vorankommen. Mich hocharbeiten. Zeigen, dass ich das kann.

Zweifel an der Arbeit und an der Branche

Aber was mache ich eigentlich genau? Die Zahlen auf dem Bildschirm werden wieder schärfer. Die Zahlen einer Excel-Tabelle. Ein Schadenprofil. Im nächsten Tabellenblatt das Einnahmenprofil.

Zahlen als Modellfutter. Je nachdem, wie ich zusammen mit meinem Chef die Parameter justiere, spuckt das Modell eine Zahl aus, die sagt, wie »risikoadäquat« der Vertrag ist.

Letztendlich irrelevant.

Man kann die Daten noch dem Aktuar für eine Spezialmodellierung geben. Nach mehreren Stunden Arbeit wird dabei wahrscheinlich herauskommen, dass es kompliziert ist. Dass es mit dieser Datengrundlage schwer wird, dem Underwriter eine Entscheidungsempfehlung zu geben.

Mein Chef muss tun, was alle Vorgesetzten müssen: Prämien einholen. Geld.

Und hoffen, dass es keine Schäden gibt.

Auch nicht in den Verträgen der letzten Jahre, die die Underwriter unterzeichnet hatten.

Prämien einholen – ihre Aufgabe. Sie sind unter Druck. Immer.

Ob es um Versicherungen für Waffengeschäfte oder Tierfelle geht: Letztendlich tun sie es alle. Sie steigen ein. Sie wissen, was die Kollegen tun.

Irgendwo muss das Geld für das Gehalt und den Bonus herkommen.

Sie gehen lediglich unterschiedlich damit um. Der eine ist skrupellos ehrlich. Der andere hadert und steigt mit schlechtem Gewissen ein.

Was mache ich hier eigentlich? Was mache ich hier? Ich bin ein Teil des Ganzen.

Plötzlich ist meine Motivation verschwunden. Als hätte man einen Schalter umgelegt. Den Motivationsschalter, der seit der Intrige ohnehin einen Wackelkontakt hatte. Jetzt wurde er umgelegt. Zack. Aus. Dunkel.

Laut Vertrag eine 42 Stundenwoche. Kein Gehalt der Welt rechtfertigt, dass ich mich 42 Stunden pro Woche in meiner Freiheit einschränken lasse, um das zu tun, was ich gerade tue.

Beitrag weiterempfehlen:

4 Gedanken zu „Für kein Gehalt der Welt – meine eigene Bullshit-Job-Story – Teil 1 von 4“

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.