Rezension: »Kopflos« von Raphael M. Bonelli

Kopflos von Raphael Bonelli

Dem Psychiater und Neurowissenschaftler Raphael M. Bonelli folge ich schon seit Längerem auf YouTube und höre seine Beiträge dort regelmäßig mit Interesse. Als ich erfahren habe, dass er ein neues Buch mit dem Titel »Kopflos – Wie Denken funktioniert. Warum wir es verlernt haben. Wie wir es zurückgewinnen.« veröffentlicht hat, war für mich schnell klar, dass das ein Thema für mich ist und ich es lesen möchte.

Bonelli verbindet darin Erkenntnisse aus der Hirnforschung mit einer kritischen Analyse unserer Gegenwart und formuliert dabei auch unbequeme Thesen zu Moral, Erziehung und gesellschaftlichen Entwicklungen.

Was folgt, ist eine ausführliche – stellenweise auch persönliche – Rezension eines Buches, das mich an vielen Punkten angesprochen hat. Dabei gehe ich bewusst auf zentrale Inhalte ein – ganz ohne kleine »Spoiler« kommt der Text also nicht aus.

Rezension zu Kopflos von Raphael Bonelli

Über den Autor

Raphael M. Bonelli, geboren 1968, ist Neurowissenschaftler und habilitierter Psychiater. Er betreibt eine eigene Praxis in Wien. Internationale Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem an die Harvard University, die University of California Los Angeles (UCLA) sowie die Duke University. Darüber hinaus leitet er das RPP-Institut und erreicht über den YouTube-Kanal über 270.000 Abonnenten. Bekannt wurde der Bestseller-Autor zudem durch mehrere populärwissenschaftliche Bücher zu psychologischen Themen.

Sein neustes Werk, erschienen 2026 bei edition a, heißt »Kopflos – Wie Denken funktioniert. Warum wir es verlernt haben. Wie wir es zurückgewinnen«.

Inhalt

»Kopflos« mag auf den ersten Blick kein typisches Buch für die Seite der Volkswirtin sein, da es sich nicht um ein Wirtschaftsbuch handelt. Liest man es, bietet es jedoch zahlreiche Anknüpfungspunkte für gesellschaftliche Fragestellungen.

Die Verschuldung kritisiert der Autor jedoch an mehreren Stellen:

»Kinderlosigkeit, Schuldenpolitik und die Erosion von Verantwortung sind die Folge einer Gesellschaft, die nicht mehr in Generationen, sondern nur noch ans sich selbst denkt. Im Grund hat jede Population nicht mehr Geld zur Verfügung, als sie selbst aktuell einnimmt. Alles andere ist Diebstahl an der nächsten Generation, die dafür kein Einverständnis gegeben hat.«

Unser Denken auf Wissenschaftsebene

Das Buch »Kopflos« ist in drei Teile aufgeteilt. Im 1. Teil »Anatomie des Denkens« erklärt Raphael Bonelli ausführlich und wissenschaftlich, die unser Gehirn und Denken funktioniert.

Jeder Teil besteht aus mehreren Kapitel, alle werden im US-amerikansichen Stil mit einer Szene aus einem bekannten Film oder Buch eingeleitet, von »Good Will Hunting« über »Mord im Orient Express«, zu »Corpus Delicti« und «Fahrenheit 451«.

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Raphael Bonelli schreibt durchgehend flüssig und verständlich, obwohl er wissenschaftlich in die Tiefe geht. Die Kapitel werden zusätzlich durch Beispiele aus der Psychotherapie-Praxis aufgelockert.

Denkstörungen laut Bonelli

Im 2. Teil seines Werks geht der Autor der  »Pathologie des Denkens« auf typische Denkfehler bzw. »Denkstörungen« ein. Also Verzerrungen und psychologische Störungen, die unser Wahrnehmen und Urteilen beeinflussen. Zunächst nimmt er die »individuellen Denkstörunge« in den Blick. Gerade diese Passagen empfinde ich als aufschlussreich, weil sie zeigen, wie wenig rational der Mensch tatsächlich oft handelt. Vor diesem Hintergrund erscheinen mir auch die ökonomischen Modelle aus meinem VWL-Studium, die vom stets rationalen und nutzenmaximierenden Individuum ausgehen, immer absurder.

In diesem Teil widmet sich der Autor im Kapitel zur »digitalen Denkstörung« auch den Auswirkungen der ständigen Smartphone-Präsenz und der sozialen Medien. Das permanente, meist passive Konsumieren schwäche laut Bonelli nicht nur Konzentration und Aufmerksamkeitsspanne, sondern auch die Fähigkeit zu prüfendem, strukturiertem und vertieftem Denken. Beim Lesen dieses Kapitels verspürt man den Impuls, das eigene Smartphone beiseitezulegen – und es dem eigenen Kind möglichst lange gar nicht erst in die Hand zu geben.

Gesellschafskritik: Wokismus und Moralismus

Der Autor leitet von den individuellen über zur »kollektiven Denkstörung«. Diese beschreibt er als eine Dynamik, in der sich bestimmte Denkmuster gesellschaftlich verfestigen und kaum noch hinterfragt werden. In diesem Zusammenhang versteht sich das Buch »Kopflos« auch als kritische Auseinandersetzung mit der woken Bewegung: »Der Wokismus hat das eigene Empfingen zum höchsten Kriterium erhoben. Wer sich als Opfer fühlt, der ist eines und daher mit größter Sorgfalt zu behandeln als andere. Wer sich nicht als Opfer darstellen will, wird schnell zum Täter.« Den Wokismus bezeichnet Bonelli dabei explizit als Ideologie und grenzt ihn von bloßer Gesinnung ab: »Gesinnung orientiert sich an individuellen Werten, Ideologie erhebt Anspruch auf allgemeine Gültigkeit. Während Gesinnung frei und flexibel sein kann, neigt Ideologie zur Starrheit, trägt oft pseudoreligiöse Züge und erhebt den Anspruch, letzte Wahrheiten zu verkünden.« Damit legt er die Grundlage für seine Kritik, die weniger auf einzelne Positionen als auf deren Absolutheitsanspruch abzielt.

In diesem Zusammenhang fällt der Begriff des Moralismus, den der Autor als »vorgetäuschte Moral« versteht. Aus seiner Sicht hat diese Entwicklung Konsequenzen für die gesellschaftliche Debattenkultur: »Wenn Moralismus und Befindlichkeiten die Gesellschaft prägen, dann ist das logische Denken auf dem Rückzug.«

Zudem bemängelt Bonelli, dass eigenständiges Denken schwieriger durch »Indoktrination« schwieriger wird, die er folgendermaßen definiert: »Der Mensch erfährt Anerkennung und Zuneigung, wenn er gesellschaftskonform handelt und Ablehnung oder Ächtung, wenn er dagegen verstößt.« Auf diese Weise entsteht ein subtiler Anpassungsdruck, der weniger durch offene Repression als durch zwischenmenschliche Dynamiken wirkt.

Die Volkswirtin hat dies vor über zwei Jahren mit Blick auf den Freiheitsindex 2023 thematisiert. Laut einer Studie von Mediatenor und dem Institut für Demoskopie Allensbache waren damals 40% der deutschen Bevölkerung der Meinung, man müsse mit der eigenen Meinung vorsichtig sein. 

Familie

Zurück zu Herrn Dobelli. Eine weitere genannte Denkstörung ist pädagogischer Natur. Er bemängelt, dass an Schulen »nicht zum eigenen Denken« angeleitet werde. Es werde »vor allem Anpassungsbereitschaft« trainiert werde.

Er weißt immer wieder auf die Bedeutung frühkindlicher Erziehung in der Familie hin:»Die Weichen für die Zukunft einer Gesellschaft werden nicht in Universitäten gestellt, sondern in Kinderzimmern.«

Das Thema Familie ist ein zentraler Aspekt des Buches. Raphael Bonelli hat selbst sechs Kinder mit seiner Frau Victoria, die im Nachtcafé (sehr sympathisch) über ihre Rolle als Vollzeitmutter sprach (Link zur Sendung).

In den öffentlichen Auftritten und Publikationen von Raphael Bonelli bzw. des Ehepaars Bonelli wird deutlich, dass ihn eine christlich geprägte und konservative Sicht auf den Menschen beeinflusst.

So ist »Kopflos« auch ein Plädoyer für die Familie – dafür, Kinder zu bekommen und sich um diese zu kümmern.

»Jeder Staat, der die Familie schwächt, gräbt sich selbst das Wasser ab«, so Bonelli. Es ist ein aktuelles Thema: »Merz-Regierung plant massive Einschnitte für Kinder, Familien und Menschen mit Behinderung«, lautet die Überschrift eines Artikels der Frankfurter Rundschau vom 28. April 2026.

Die Grundlagen des klaren Denkens

Im 3. Teil »Heilung des Denkens« zeigt der Autor Wege auf, wie ein klareres, bewussteres und reflektierteres Denken wieder eingeübt werden kann. Dabei bezieht sich der Autor auf die fünf dianoetischen Tugenden von Aristoteles und wendet sie auf die heutige Zeit an. Eine davon ist »Techné«, die »schöpferische Intelligenz«: »Techné ist das Gegenteil des digitalen Konsumierens, weil sie Denken und Handeln untrennbar verbindet. Techné vermittelt Selbstwirksamkeit, das Gefühl, dass das eigene Tun die Welt tatsächlich zum Guten ändern kann.« In diesem Abschnitt referenziert der Autor auch auf David Graeber und die »Bullshit Jobs« (siehe Rezension der Volkswirtin) – das Gegenteil von Techné. Dieser Abschnitt regt dazu an, über das eigene Schaffen nachzudenken und ebenso, darüber nachzudenken: Was will ich meinem Kind weitergeben? Gerade in Zeiten der KI geht es mir so, dass ich ihm auch praktische Fähigkeiten mit auf den Weg geben will, bzw. dass ich glaube, dass es so viel lernt. Auch ernsthaft und reflektiert zu denken, denn: Beim Schreinern gibt es kein Shortcut »Steuerung Z« wie auf der Computertastatur.

Eine weitere bzw. die Königstugend ist »Sophia«, und wie der Begriff andeutet, geht es ins Philosophische: »Hier berühren wir den tiefsten Kern aller Philosophie und Psychologie: die Ausrichtung auf das Wahre, Gute und Schöne.«

Fazit

Mich hat das Buch an vielen Stellen abgeholt. Ich habe nicht nur etwas über die Funktionsweise unseres Gehirns gelernt, sondern auch Argumente und reichlich Stoff zum Nachdenken mitgenommen.

Das Werk ist ein Plädoyer für die Familie. Für traditionelle Werte – zugleich aber auch ein Aufruf, selbst zu denken und der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Gerade das ins Philosophische gehende Ende fand ich sehr passend.

Natürlich polarisiert Raphael Bonelli mit seinen Ansichten. Gerade deshalb halte ich seine Stimme für wichtig – unabhängig davon, ob man ihm in allen Punkten zustimmt.

Ich wünschte, ich hätte dieses Buch schon vor vielen Jahren gelesen und nicht erst mit Ende dreißig.

Bonelli, Raphel M.: Kopflos: Wie Denken funktioniert. Warum wir es verlernt haben. Wie wir es zurückgewinnen. Edition a. Hardcover, 2026. ISBN: 978-3990018361. 28,00€.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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