Der digitale Euro und die Frage nach der Macht über Geld

Die Idee eines digitalen Euro steht seit Jahren im Raum. Doch seit Kurzem bekommt sie eine konkrete zeitliche Perspektive: Eine Einführung im Jahr 2029 ist möglich. Damit wird aus einem abstrakten Konzept zunehmend ein reales politisches und wirtschaftliches Projekt. Doch was genau ist der digitale Euro – und warum wird er so kontrovers diskutiert?

Der digitale Euro

Die Debatte um den digitalen Euro hat zuletzt neuen Schwung bekommen. Die Europäische Zentralbank (EZB) stellte im Frühjahr 2026 in Aussicht, dass eine Einführung bereits 2029 möglich sein könnte – vorausgesetzt, die rechtlichen Grundlagen werden rechtzeitig geschaffen.

Damit wird aus einem langfristigen Projekt zunehmend eine konkrete Perspektive. Höchste Zeit, sich das Konzept des digitalen Euros genauer anzusehen.

Was genau steckt hinter diesem Projekt? Der Artikel erklärt zunächst, was der digitale Euro ist und wie er funktionieren soll. Anschließend geht es um die Frage, wer ihn vorantreibt, wer skeptisch oder dagegen ist – und welche Argumente auf beiden Seiten eine Rolle spielen.

Was ist der digitale Euro?

Der digitale Euro ist im Grunde eine digitale Form von Bargeld, die von der EZB herausgegeben wird. Statt Münzen oder Scheine in der Tasche zu haben, würde man digitales Zentralbankgeld auf dem Smartphone oder einem anderen Gerät speichern.

Und zwar in sogenannten Wallets. Das sind digitale Geldbörsen, die man zum Beispiel über eine Bank oder eine App erhält. In dieser Wallet könnte man digitale Euro speichern, empfangen und damit bezahlen – im Laden, online oder möglicherweise auch ohne Internetverbindung.

Die Idee dahinter: Bezahlen soll so einfach sein wie heute mit Karte oder Smartphone – aber mit staatlichem Geld.

Die EZB betont gegenüber den Kritikern, dass der digitale Euro das Bargeld ergänzen und nicht abschaffen soll.

Das Geld auf dem Konto liegt bei einer Geschäftsbank. Der digitale Euro wäre dagegen in den Händen der Zentralbank. Kryptowährungen wie Bitcoin hingegen sind ohne zentrale Institutionen organisiert.

Argumente der Befürworter

Das zentrale Argument der Befürworter ist die Souveränität Europas, die durch den digitalen Euro gestärkt werden soll. Heute laufen viele digitale Zahlungen über internationale Anbieter, insbesondere mächtige US-Unternehmen wie Paypal oder Visa. Mit einem digitalen Euro könnte Europa eine eigene, staatlich abgesicherte Alternative schaffen: »Der digitale Euro könne diese Abhängigkeiten reduzieren und Europas Handlungsfähigkeit stärken«, sagt der Präsident der Bundesbank Joachim Nagel.

NICHTS MEHR VERPASSEN
Melden Sie sich für den Newsletter an und erhalten Sie 10% auf nichts. Dafür informiere ich Sie über neue Beiträge auf die-volkswirtin.de.

Datenschutzerklärung


Ein weiterer Punkt, den wie Befürworter nennen, betrifft die Sicherheit. Der digitale Euro wäre – wie Bargeld – Geld der Europäischen Zentralbank. Er gilt damit als besonders stabil, weil er nicht von der Zahlungsfähigkeit einzelner Banken abhängt. So argumentiert beispielsweise die Bürgerbewegung Finanzwende e.V. in einem entsprechenden Artikel.

Zudem argumentiert die EZB, der digitale Euro könne die »Innovation fördern und Wettbewerbsfähigkeit stärken und die Inklusion verbessern«, wie in einer Rede von Piero Cipollone, Mitglied des Direktoriums der EZB, nachzulesen ist.

Argumente der Skeptiker/Gegner

Ein zentraler Kritikpunkt betrifft den Umgang mit Zahlungsdaten. Kritiker befürchten, dass staatliche Stellen theoretisch Einblick in Zahlungsdaten erhalten könnten – selbst wenn dies offiziell eingeschränkt wird. Es bleibt ein Spannungsfeld zwischen Datenschutz und Geldwäscheprävention.

Kritiker sehen außerdem die Gefahr, dass sich die Rolle der Zentralbank im Geldsystem über das klassische Mandat weiter ausweitet. Auch wenn der digitale Euro laut der EZB als Ergänzung zum Bargeld konzipiert ist, würde die Ausgestaltung letztlich bei der Zentralbank liegen. Damit könnten theoretisch, je nach gesetzlichem Rahmen, auch technische Parameter wie Halteobergrenzen oder eine mögliche (auch negative) Verzinsung beim digitalen Euro umgesetzt werden. Auch wenn dies laut der EZB nicht geplant ist, argumentieren Kritiker, dass die technische Infrastruktur grundsätzlich mehr Eingriffsmöglichkeiten bieten könnte.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft mögliche Verschiebungen im Finanzsystem. Wenn Menschen größere Teile ihres Geldes direkt in digitalen Zentralbankgeld-Wallets halten, könnte das Geschäftsbanken beeinflussen. Es wird gewarnt, dass in Krisenzeiten größere Geldabflüsse aus Geschäftsbanken entstehen könnten und das Finanzsystem so destabilisiert werden könnte (vgl. z. B. das Paper der hhu Düsseldorf »Der digitale Euro – Fluch oder Segen für unsere Gesellschaft?«). Auf die Risiken der Finanzmarktstabilität weisen auch verschiedene Banken, wie z. B. die Volks- und Raiffeisenbanken hin.

Da der digitale Euro vollständig digital funktioniert, entstehen neue Abhängigkeiten von IT-Infrastruktur. Kritiker verweisen hier vor allem auf mögliche Cyberangriffe oder technische Störungen als zusätzliche systemische Risiken.

Ein weiterer Aspekt in der Diskussion betrifft die Kosten des digitalen Euro. Für die Einführung und den Betrieb des Systems auf Seiten des Eurosystems rechnet die Europäische Zentralbank mit einmaligen Kosten von rund 1,3 Milliarden Euro sowie laufenden Ausgaben von etwa 300 Millionen Euro pro Jahr. Hinzu kommen Anpassungskosten im Bankensektor, etwa für IT-Systeme, Zahlungsinfrastruktur und Schnittstellen zu den neuen Wallets. Diese werden je nach Schätzung auf mehrere Milliarden Euro beziffert. Während offizielle Schätzungen der EZB von rund 4 bis 6 Milliarden Euro ausgehen, kommen Branchenstudien teilweise auf deutlich höhere Werte.

Stimmen zum digitalen Euro

Die Diskussion um den digitalen Euro wird von sehr unterschiedlichen Perspektiven geprägt. Die Europäische Zentralbank spricht sich klar für das Projekt aus und sieht darin einen Schritt zur Modernisierung des europäischen Zahlungsverkehrs sowie zur Stärkung der finanziellen Souveränität Europas.

Zustimmung kommt auch aus Teilen der Zivilgesellschaft, etwa von Finanzwende. Dort wird vor allem auf die Chancen eines öffentlichen digitalen Zahlungsmittels hingewiesen, zugleich aber betont, dass die konkrete Ausgestaltung entscheidend ist – insbesondere mit Blick auf Datenschutz, Marktstruktur und Nutzerfreundlichkeit.

Auf der anderen Seite stehen vor allem Banken und Akteure des Finanzsektors, sowie Anbieter aus dem Zahlungs- und Fintech-Sektor. Sie befürchten, dass ihren Geschäftsmodellen Konkurrenz gemacht werden könnte.

Datenschützer und Bürgerrechtsgruppen äußern vor allem Bedenken hinsichtlich des Umgangs mit Zahlungsdaten und der Macht der EZB.

Fazit

Die Diskussion um den digitalen Euro ist am Ende nicht nur eine technische oder wirtschaftliche Frage, sondern auch eine grundlegende Vertrauensfrage. Auch für jeden Bürger.

Soll die EZB und im weiteren Sinne die EU noch mehr Macht und Einfluss bekommen? Soll die Zentralbank ihr Mandat erweitern, den Zahlungsverkehr mitsteuern? Welchen Mehrwert bietet dies? Ist der digitale Euro wirklich komfortabel für Zahlungen und rechtfertigt das die Kosten? Oder ist es eher beängstigend, dass die Zentralbank/EU theoretisch Zahlungsdaten einsehen können?

Regelmäßige Leser der Volkswirtin können sich denken, dass ich persönlich der Einführung des digitalen Euros äußerst skeptisch gegenüberstehe. Grundsätzlich ist mein Vertrauen in die Zentralbanken niedrig. Ich habe Sorge, dass diese ihr Mandat erfüllen werden, den Geldwert wirklich mittelfristig erhalten können. Da wären wir wieder einmal beim Stichwort Inflation. Aus diesem Grund finde ich das Konzept von alternativen, dezentralen Geldsystemen wie dem Bitcoin spannend und befasse mich auch mit diesen.

Ob der digitale Euro tatsächlich kommt, ist politisch weitgehend absehbar – die konkrete Ausgestaltung ist jedoch noch offen. Wie er sich im Alltag auswirken wird, bleibt abzuwarten. Umso wichtiger ist es, die grundlegenden Mechanismen dahinter zu verstehen.

Beitrag weiterempfehlen:

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert