Die Bundesregierung erklärt den Klimaschutz zur obersten Priorität, fördert Heizungsumbauten und treibt die Energiewende voran. Gleichzeitig reist ein Minister nach China, um für deutsches Schweinefleisch zu werben. Wie passt das zusammen?
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Exporte von deutschem Schweinefleisch nach China fördern?
Länger war ich nicht auf tagesschau.de unterwegs. Die meisten Meldungen sind für mich inzwischen entweder irrelevant geworden oder sie hinterlassen vor allem eines: Kopfschütteln. Heute klicke ich mal wieder auf die Seite, und mir kommt direkt folgende Überschrift entgegen: »Agrarminister in China: Rainer wirbt für deutsches Schweinefleisch.«
Ich habe den Artikel gelesen. Kurz gesagt geht es darum: China hatte den Import von deutschem Schweinefleisch nach Ausbrüchen der Afrikanischen Schweinepest eingeschränkt. Nun setzt sich die Bundesregierung für ein Regionalisierungsabkommen ein, damit Fleisch aus nicht betroffenen Regionen wieder nach China exportiert werden kann. Aus diesem Grund reist der Bundesagrarminister nach China und wirbt für deutsches Schweinefleisch.
Schweinefleisch. Export. Nach China.
Gefördert von einer Bundesregierung, die den Klimaschutz zu einem ihrer zentralen politischen Leitmotive erklärt hat.
Man muss das kurz wirken lassen.
Kaum ein Bereich, in dem nicht von Transformation, Emissionsreduktion oder Nachhaltigkeit gesprochen wird. Parallel dazu wird der Ausbau erneuerbarer Energien politisch massiv vorangetrieben, mit klaren gesetzlichen Vorgaben und Zielpfaden. Für Unternehmen entstehen neue Berichtspflichten, für Hausbesitzer neue energetische Anforderungen und für Bürger immer neue Vorgaben zur Reduzierung ihres ökologischen Fußabdrucks.
Erst im März 2026 hat die Bundesregierung ihr Klimaschutzprogramm verabschiedet. Das langfristige Ziel bleibt unverändert: Treibhausgasneutralität bis 2045.
Und gleichzeitig setzt sich dieselbe Regierung dafür ein, den Export von Schweinefleisch nach China wieder auszuweiten?
Dabei ist die Rechnung eigentlich bekannt. Schweinehaltung bedeutet CO₂-Emissionen, Methan, Futterimporte, Flächenverbrauch. Selbst wenn die Produktion in Deutschland effizienter sein sollte als anderswo, bleibt sie Teil eines Systems, das sich nur schwer mit den ständig betonten Klimazielen vereinbaren lässt.
Hinzu kommt der Transport über tausende Kilometer. Das Fleisch wird schließlich nicht für den lokalen Markt produziert, sondern soll um die halbe Welt verschifft werden. Auch diese Emissionen verschwinden nicht dadurch, dass sie außerhalb Deutschlands entstehen.
Die moralische Dimension der Fleischproduktion bleibt an dieser Stelle ausgeklammert – auch wenn sie für mich persönlich als Vegetarierin durchaus eine Rolle spielt.
Interessanter ist hier die politische Logik.
Klimaschutz oder Wirtschaftswachstum?
Denn die eigentliche Frage lautet: Was hat Vorrang – Klimaschutz oder Wirtschaftswachstum?
Vor einigen Monaten habe ich in einem Artikel erläutert, dass es Wirtschaftswachstum braucht – bzw. dass unser System ohne Wachstum zusammenbrechen würde (in diesem Artikel gehe ich auch der Frage nach, ob es »grünes« Wirtschaftswachstum geben kann).
Und ja – die Politik tut alles, um unser marodes System am Leben zu erhalten.
Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein anderer Blick auf die Klimapolitik. Natürlich werden die Maßnahmen mit dem Ziel begründet, Emissionen zu reduzieren und das Klima zu schützen. Gleichzeitig haben sie aber eine zweite, oft weniger beachtete Wirkung: Sie schaffen Investitionen, erzeugen Nachfrage und halten wirtschaftliche Aktivität aufrecht.
Wenn Millionen Haushalte Heizungen austauschen, Gebäude sanieren oder neue Energietechnik installieren, ist das nicht nur Klimapolitik. Es ist auch ein gewaltiges Konjunktur- und Investitionsprogramm. Der Staat setzt Anreize, verteilt Subventionen und lenkt Kapitalströme in bestimmte Branchen. Dass die Staatsquote dabei seit Jahren steigt, ist kein Zufall.
Unter diesem Blickwinkel erscheint der Vorstoß für mehr Schweinefleischexporte nach China plötzlich deutlich weniger widersprüchlich. Denn am Ende folgt die Politik häufig derselben Logik: Wir brauchen Wachstum, um das System zu erhalten. Wirtschaftliche Aktivität soll ausgeweitet werden – unabhängig davon, ob sie unter dem Label Klimaschutz, Transformation oder Exportförderung läuft.
Trotzdem bleibt die Frage bestehen, weil es so absurd klingt: Ein deutscher Minister reist nach China, um für deutsches Schweinefleisch zu werben. Warum sorgt das nicht für mehr Verwunderung bei denjenigen, die die klimapolitischen Ziele der Bundesregierung unterstützen?


Ein sehr lesenswerter Beitrag! Sie zeigen genau den Widerspruch, der die gegenwärtige Klimapolitik lähmt: Solange die Wirtschaft auf Wachstum angewiesen ist, wird jede noch so ehrgeizige Klimapolitik von der Export- und Absatzlogik ausgehebelt.
Der entscheidende Punkt ist meines Erachtens: Der Wachstumszwang ist kein politischer Fehler, sondern eine strukturelle Notwendigkeit. Wenn Unternehmen verkaufen müssen, um Löhne, Steuern und Gewinne zu erwirtschaften, wenn Staaten Wachstum brauchen, um ihre Haushalte zu finanzieren, dann bleibt der Klimaschutz immer nachrangig – egal, welche Partei regiert. Genau deshalb hilft es nicht, nur das Wachstum zu kritisieren oder es grün anstreichen zu wollen.
Die eigentliche Frage lautet: Wie kann eine Wirtschaft funktionieren, ohne wachsen zu müssen? Meine Antwort: Indem Produkte und Dienstleistungen nicht mehr verkauft werden müssen, sondern bedarfsorientiert bereitgestellt werden.
Wenn Unternehmen sich gemeinsam von der Preislogik befreien – also aufhören, Rechnungen zu stellen, und dafür keine Löhne, Steuern und Zinsen mehr zahlen müssen –, entfallen der Exportzwang, die Werbung und die Notwendigkeit, künstlich Nachfrage zu erzeugen.
Erst dann wäre die Politik wirklich frei, Klimaschutz ohne Rücksicht auf Wirtschaftswachstum zu betreiben. Ich habe diesen Weg in meinem Buch skizziert. Es ist kostenlos verfügbar: https://simple.economy.nu/book-the-simple-economy
Ich würde mich freuen, wenn diese grundsätzliche Diskussion mehr Raum bekäme – Ihr Blog leistet dazu einen wertvollen Beitrag.