Wenn über die Wirtschaft gesprochen wird, fällt ein Begriff fast reflexartig: Wachstum.
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Wirtschaftsforschungsinstitute messen das Wirtschaftswachstum hierzulande pro Quartal auf die Nachkommastelle und stellen fleißig Prognosen für die Zukunft an. Die Politik wiederum spricht vom Wachstum, als wäre es ein Naturgesetz – mal hoffnungsvoll, mal mahnend, aber immer mit derselben impliziten Botschaft: Ohne Wachstum geht es nicht.
Viele Menschen hingegen sehen die Verlockung zu immer mehr Konsum kritisch – und fragen sich, unter welchen Bedingungen Produkte entstehen und welche Auswirkungen das auf die Umwelt hat. Die Post-Wachstums-Bewegung gewinnt an Sichtbarkeit. Ihre Vertreterinnen und Vertreter fragen: »Warum eigentlich immer mehr?« Und: »Ist ewiges Wachstum in einer endlichen Welt überhaupt möglich?«
Diese Fragen sind berechtigt – vielleicht sogar notwendiger denn je. Doch sobald man sich der Funktionsweise unseres heutigen Wirtschaftssystems nähert, stößt man auf eine unbequeme Wahrheit: Im aktuellen System ist Wachstum keine Option, sondern eingebauter Systemdruck.

Warum unser System Wachstum braucht
Ein Blick auf unser Geldsystem ist nun unumgänglich. Wir haben ein Schuldgeldsystem.
Das heißt, Geld entsteht hauptsächlich durch Kredite. Das bedeutet: Wenn eine Geschäftsbank einem Unternehmen oder einer Privatperson einen Kredit gewährt, wird neues Geld quasi »aus dem Nichts« geschaffen. Dieses Geld landet auf Konten und kann ausgegeben werden. Ein ausführlicher Artikel zu unserem Schuldgeldsystem findet sich hier.
Doch hier liegt der entscheidende Haken: Das geliehene Geld muss mit Zinsen zurückgezahlt werden. Das ist mehr Geld als zuvor – und das muss irgendwo herkommen. Hier beginnt der systemische Druck auf Wachstum:
- Neue Kredite müssen kontinuierlich vergeben werden, damit genügend Geld im Umlauf ist, um alte Kredite inklusive Zinsen zurückzahlen zu können.
- Wachstum wird zur Pflicht, nicht zur Option: Ohne stetiges Wirtschaftswachstum könnten Unternehmen und Privatpersonen ihre Kredite nicht bedienen.
- Steigende Staatsverschuldung: Auch Staaten finanzieren sich oft durch Schulden. Sinkt das Wachstum, steigen die Zinslasten relativ zum Staatshaushalt – ohne Wachstum droht ein fiskalischer Engpass.
Der Kreislauf lässt sich so zusammenfassen:
- Banken vergeben Kredite → neues Geld entsteht.
- Kredite müssen mit Zinsen zurückgezahlt werden.
- Zur Bedienung der Zinsen wird mehr Geld benötigt → mehr Kredite werden vergeben.
- Die Wirtschaft muss insgesamt wachsen, damit die Schuldner die Kredite und Zinsen bedienen können.
Ohne Wachstum bricht dieser Kreislauf zusammen: Unternehmen, Haushalte und Staaten könnten ihre Schulden nicht mehr bedienen, was zu Zahlungsausfällen, Bankenkrisen und im schlimmsten Fall zu einem systemischen Zusammenbruch führt.
So richtig klar wurde mir dieser Zusammenhang, als ich zum ersten Mal den Film Oeconomia von Carmen Losmann gesehen habe (hier geht’s zur Filmrezension der Volkswirtin).
Die Illusion des »grünen Wachstums«
Vor diesem Hintergrund erscheint »grünes Wachstum« als verheißungsvolle Lösung: weiter wachsen, aber ressourcenschonend.
Geht Wachstum ohne Ressourcenverbrauch? Bereits vor einigen Jahren habe ich mir diese Frage gestellt. 2021 habe ich den Aktionskünstler und investigativen Journalist Jean Peters im Podcast »Hotel Matze« (Folge: Wie wird man Aktivist) gehört. Er sagte dort, dass es kein Wachstum entkoppelt von Ressourcenverbrauch gäbe. Das hat mich beschäftigt, ich habe ihm daraufhin geschrieben mit folgender These: In der Theorie wäre es doch möglich, Wachstum durch Produktivitätssteigerungen (technischer Fortschritt und Innovationen, effizientere und ressourcenschonende Technologien) zu generieren.
Jean Peters hat mir zu meiner Freude geantwortet: »Soweit ich weiß kann man Ressourcenverbrauch reduzieren (juchuu) aber nicht entkoppeln. Das wäre eine Wette auf die Zukunft und neue technologische Entwicklungen, die es noch nicht gibt (dass wir Strom in Holz speichern werden können oder sowas).«
Das Thema hat mich für die nächsten Jahre begleitet – ich war jedoch nach Jeans Antwort skeptischer, was Wachstum ohne Ressourenverbrauch angeht.
Und dann hat Ulrike Herrmann 2022 ein Buch herausgebracht mit dem Titel: »Das Ende des Kapitalismus – Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind« (siehe Rezension bei der Volkswirtin). Die Autorin analysiert unzählige wissenschaftliche Studien, um ihre These von der Illusion des grünen Wachstums zu beweisen.
Zudem zeigt die politische Praxis, dass »grünes Wachstum« häufig weniger zu einer Entkopplung führt, sondern eher zu einer steigenden Staatsquote: Viele staatliche Maßnahmen setzen auf Förderprogramme und Austauschprämien – etwa für funktionierende Heizungen –, deren tatsächlicher ökologischer Nutzen im Verhältnis zum zusätzlichen Ressourcenverbrauch zumindest angezweifelt werden darf.
Fazit
So unangenehm es klingt: In unserem aktuellen Schuldgeldsystem ist Wachstum keine Kür, sondern Pflicht. Das sollte erklären, warum die Politik sich so an das Wirtschaftswachstum klammert – obwohl es immer mehr Leuten absurd scheint.
Das bedeutet jedoch auch: Wer ernsthaft über Alternativen sprechen will – über Nachhaltigkeit, Post-Wachstum oder andere Formen des Wirtschaftens –, kommt um eine grundlegende Systemfrage nicht herum. Appelle an weniger Konsum oder mehr Effizienz allein reichen nicht, solange die Finanz- und Wirtschaftsarchitektur auf stetige Expansion ausgelegt ist.
Wenn wir ein Wirtschaftssystem wollen, das ohne permanenten Wachstumsdruck auskommt, müssen wir es anders gestalten. Dazu gehört, neue Modelle der Geldschöpfung, der Finanzierungsstrukturen und der Verteilung zu denken – und zu akzeptieren, dass dies weit über einzelne politische Maßnahmen hinausgeht.
Liebe Sarah,
echt tolle Webseite. Du überraschts immer wieder aufs Neue 🙂
Alles Liebe und Gute,
Alain
Vielen Dank, Alain!
Wie geht es weiter mit dem Kapitalismus?
Der Kapitalismus bezeichnet sich selbst als die höchste Form der menschlichen Entwicklung. Gesellschaften, die versuchten, ihn durch zentralistische Planwirtschaft zu ersetzen, kehrten nach Jahrzehnten wieder zu marktwirtschaftlichen Strukturen zurück. Damit stellt er sich als historisch überlegen gegenüber seinen Alternativen des 20. Jahrhunderts dar.
Gleichzeitig ist jede Wirtschaftsform an den Entwicklungsstand der gesellschaftlichen Produktivkräfte gebunden. Ist die marktwirtschaftliche Koordination unter den Bedingungen moderner Informations- und Kommunikationstechnologien weiterhin funktional oder hat sich längst eine strukturelle Diskrepanz zwischen technologischen Möglichkeiten und ökonomischen Institutionen herausgebildet?
Die Produktivkräfte auf der Überholspur
Heute ist der Kapitalismus selbst von der Entwicklung der Produktivkräfte überholt worden. Wissenschaft, Technik und Kommunikation haben ein Niveau erreicht, das nicht mehr zu einer über Märkte vermittelten Versorgung passt. Das Internet ermöglicht eine unmittelbare globale Kommunikation. Gleichzeitig erlauben datenbasierte Systeme und künstliche Intelligenz die Koordination komplexer Produktions- und Logistikprozesse in Echtzeit. Der Kapitalismus hingegen organisiert die Versorgung der Menschen weiterhin über Preise, Einkommen und Kaufkraft, nicht anders als in den vergangenen Jahrhunderten.
Obwohl die Wirtschaft längst im Überfluss produziert, müssen Menschen weiterhin Einkommen erzielen, um Zugang zu lebensnotwendigen Gütern zu erhalten. Diese Notwendigkeit ist kein Naturgesetz, sondern Folge eines historisch überholten Tauschprinzips: Arbeit gegen Geld, Geld gegen Ware.
Wachstumszwang und systemische Zerstörung
Das kapitalistische Kreditsystem erzwingt stetiges quantitatives Wachstum. Um Zinsen und Renditen zu bedienen, müssen immer mehr Waren produziert und verkauft werden. Geplante Obsoleszenz, aggressive Werbung und zunehmend auch Rüstungsproduktion dienen dazu, den notwendigen Konsum künstlich zu steigern.
Zugleich wird die Automatisierung gebremst, weil sie Einkommen gefährdet, während sich Reichtum zunehmend bei wenigen Marktakteuren konzentriert. Die Folge sind zunehmende Überlastung berufstätiger Menschen, Ressourcenverschwendung, wachsende Müllberge und Emissionen, die den Klimawandel beschleunigen und bereits heute weitreichende Katastrophen verursachen.
Systemkritische Reformvorschläge wie Reichensteuern oder strengere Umweltauflagen können Symptome mildern, ändern aber nichts an den Ursachen: dem Wachstumszwang und der Marktvermittlung der Versorgung.
Direkte Bedarfskommunikation als Alternative zur Marktvermittlung
Die naturgemäße Aufgabe der Wirtschaft ist es, der Menschheit mit der Bereitstellung von Gütern und Leistungen ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Diese Aufgabe könnte heute erstmals direkt erfüllt werden. Seit Jahren sind wir technisch in der Lage, Bedarfe unmittelbar an Produzenten zu übermitteln. Künstliche Intelligenz kann Versorgungswege optimieren, Produktionsprozesse koordinieren und Ressourcen effizient zuteilen.
Dafür müsste die Wirtschaft nicht umorganisiert werden. Sie könnte weiterhin bestrebt sein, ihre Leistungen zu optimieren – jedoch qualitativ anstatt quantitativ. Langlebige, hochwertige Produkte und geschlossene Kreislaufsysteme würden den Rohstoffverbrauch und die Abfall- und Abgasmenge drastisch senken und Märkte als Allokationsinstrument überflüssig machen. Voraussetzung ist die Beendigung des marktkonformen Verwertungszwanges.
Eigentum – Ausschluss und ökonomische Funktion
Der Kapitalismus ist durch Privateigentum an Grund und Boden sowie an Produktionsmitteln und Wohnungen gekennzeichnet. Solange Waren vermarktet werden, müssen mit diesem Eigentum Einnahmen erwirtschaftet werden, die den Ausschluss anderer vom ungehinderten Zugang zu diesen Gütern voraussetzen.
Würde die Versorgung der Menschen jedoch direkt erfolgen – auch die der Eigentümer –, gäbe es keinen Grund mehr für dieses Ausschlusskriterium. Ressourcen, die die Erde als Gaben der Schöpfung bereitstellt, Produktionseinrichtungen oder Wohnungen könnten dann für alle Menschen unentgeltlich zugänglich sein.
Der Übergang: Abschaltung des Marktes
Ein solch tiefgreifender Wandel kann nicht schrittweise innerhalb des Marktes erfolgen, da dieser sich selbst reproduziert und dadurch einen Wandel verhindert. Durch den Wegfall des Ausschlusskriteriums für Eigentum und Wegfall der Arbeitskosten wären jedoch mit einem Male alle Waren kostenlos verfügbar.
Im Kern wäre lediglich eine globale, stillschweigende Vereinbarung notwendig: Alle Wirtschaftsbeziehungen bleiben bestehen und werden übergangsweise weiter genutzt aber es erfolgt keine Rechnungslegung und Lohnabrechnung mehr. Damit sind die Waren für alle Menschen, Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer, sofort kostenlos, Einkommen ist nicht mehr erforderlich.
Die Wirtschaft selbst müsste nicht umgebaut werden – vom Stichtag an entfällt der Markt, weil die Waren frei verfügbar sind. Die vorhandenen Kommunikationsstrukturen, unterstützt durch KI, übernehmen die Koordination der Versorgung.
Da die Wirtschaft bereits heute weitgehend just-in-time produziert, wäre eine zentrale Planung der Versorgung nicht erforderlich.
Arbeit, Solidarität und menschliche Entwicklung
Diese Umstellung muss weltweit und im Vorfeld breit diskutiert werden.
Es muss die Angst vor Mangel genommen werden. Wir produzieren heute das Doppelte dessen, was gebraucht wird, es ist also genügend Überfluss vorhanden.
Bis zur weitgehenden Automatisierung müssen unangenehme Arbeiten solidarisch verteilt werden. Das sollte jedoch kein Problem sein, da diese Arbeiten nur wenige Prozent der Gesamtarbeit ausmachen und die Arbeitszeit insgesamt drastisch abnehmen wird.
Mit dem Wegfall des Einkommenszwangs entsteht erstmals die Möglichkeit, dass Menschen Tätigkeiten entsprechend ihrer Talente und Neigungen frei wählen können. Ohne den Zwang zur Vermarktung der Arbeitskraft kann sich dann das intrinsisch vorhandene Potential der sinnvollen Arbeit ungebremst entfalten.
Die disziplinierte und solidarische Bewältigung des ersten Covid-19-Lockdowns im März 2020 hat gezeigt, dass die Menschheit zu einem solchen koordinierten, solidarischen und disziplinierten Verhalten fähig ist.
Soziale und ökologische Folgen
Reiche würden nichts verlieren: Eigentum würde nicht angetastet, da es von alleine sein Ausschlusskriterium verliert. Die realen Aufwendungen für ihren Lebensunterhalt, die nur einen Bruchteil ihres auf Kapitalmärkten gebundenen Vermögens ausmachen, sind so wie für alle Menschen frei verfügbar. Benachteiligte Menschen hingegen würden unmittelbar profitieren, da die strukturellen Ursachen von Neokolonialismus und Ausbeutung entfallen und jeder Mensch ungehinderten Zugang zu allem Lebensnotwendigen hätte. Der heftig kritisierte Unterschied zwischen arm und reich würde sich somit von alleine auflösen, ohne dass jemand benachteiligt ist.
Durch die stark reduzierten Emissionen der Produktion würden sich auch die Ursachen des Klimawandels erheblich verringern und die langfristigen Klimaziele wären wahrscheinlich innerhalb kurzer Zeit erreicht. Die Geschlechterungerechtigkeit würde verschwinden, da der Unterschied zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit aufgehoben wäre.
Zusammenfassung
Der Beitrag beschreibt die These, dass die marktwirtschaftliche Koordination kapitalistischer Ökonomien unter den Bedingungen fortgeschrittener Digitalisierung, globaler Kommunikation und Automatisierung an strukturelle Grenzen gestoßen ist. Während der Kapitalismus historisch gegenüber zentralistischen Planwirtschaften überlegen war, sind seine grundlegenden Vermittlungsmechanismen – Markt, Preis und Einkommen – zunehmend dysfunktional geworden.
Insbesondere der kreditinduzierte Wachstumszwang, die einkommensabhängige Versorgung und die notwendige Ausschließung vom Zugang zu Ressourcen erzeugen ökologische und soziale Krisen, die durch Reformmaßnahmen nicht hinreichend adressiert werden können.
Es wird eine theoretische Möglichkeit einer einkommensunabhängigen, direkt koordinierten Versorgung auf Basis digitaler Kommunikationsstrukturen und KI-gestützter Optimierung beschrieben. Dabei wird gezeigt, dass unter den genannten Bedingungen Marktallokation, Tauschwert und Arbeitskosten ihre ökonomische Funktion verlieren können.