Die Bezüge der Abgeordneten im Deutscher Bundestag steigen erneut deutlich: Ab Juli 2026 sollen die Diäten um rund 4,2 Prozent beziehungsweise knapp 500 Euro im Monat zulegen (siehe z. B. Artikel in der Welt vom 27. Februar 2026). Die Anpassung erfolgt automatisch auf Basis der allgemeinen Lohnentwicklung – eine gesonderte Abstimmung im Parlament ist nicht erforderlich.
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Gerade in einem Umfeld, das von Inflation, strukturellem Wandel in der Industrie und geopolitischen Spannungen geprägt ist, wird eine Diskrepanz sichtbar: Während sich manche Einkommen relativ verlässlich anpassen, stehen viele Haushalte und insbesondere kleine und mittelgroße Unternehmen unter wachsendem wirtschaftlichem Druck.
Ein ökonomisches Konzept, das diese Dynamik beschreibt, ist der Cantillon-Effekt. Die Gehaltserhöhung für die Bundestagsabgeordnete war daher der Auslöser für einen Artikel zu genau diesem Cantillon-Effekt, den ich schon lange schreiben will.

Der Cantillon-Effekt
Der Cantillon-Effekt ist ein wirtschaftliches Konzept aus der Geldtheorie. Der Begriff geht auf den Ökonomen Richard Cantillon zurück. Er hat diesen Zusammenhang bereits im 18. Jahrhundert analysiert.
Der Cantillon-Effekt beschreibt, dass neu geschaffenes Geld nicht alle Menschen gleichzeitig und gleichmäßig erreicht – und deshalb unterschiedliche Gruppen unterschiedlich davon profitieren oder verlieren.
Im Kern besagt der Cantillon-Effekt: Wer dem Ursprung der Geldschöpfung näher ist, profitiert stärker von einer Ausweitung der Geldmenge.
Wenn neues Geld in Umlauf gebracht wird (siehe expansive Geldpolitik), ziehen zunächst diejenigen den größten Nutzen daraus, die als Erste Zugang dazu haben. Man könnte auch sagen, diejenigen, die am nächsten an der Geldschöpfung dran sind bzw. diese kontrollieren. Das sind z.B.
- Zentralbanken
- Banken
- wirtschaftliche Akteure mit privilegiertem Zugang zu Finanzmitteln
- staatsnahe Unternehmen
- weitere politisch begünstigte Gruppen und Teile des Staatsapparats
Was dies mit der Inflation und Ungleichheit zu tun hat
Im Grundgedanken gibt es noch folgende Hypothese: Durch expansive Geldpolitik/Geldmengenausweitung werden irgendwann die Preise steigen. Es gibt Inflation. Die oben genannten Gruppen können vor den Preissteigerungen das Geld ausgeben und haben dadurch einen wirtschaftlichen Vorteil.
Erst später steigt das allgemeine Preisniveau. Zu diesem Zeitpunkt erreicht das Geld auch andere Teile der Volkswirtschaft – etwa Privathaushalte oder kleine und mittlere Unternehmen. Für sie hat das Geld jedoch bereits an Kaufkraft verloren.
Gerade im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld wird diese Dynamik besonders sichtbar. Während etwa Beschäftigte im öffentlichen Dienst oder Beamte teilweise von automatischen oder zeitnahen Anpassungen profitieren, stehen andere vor deutlich größeren Herausforderungen.
Ein Beispiel aus meinem Alltag: Als Kleinunternehmerin in der Hotellerie muss ich die Zimmerpreise aktiv und unter Unsicherheit anpassen. Erhöhe ich sie zu schnell, riskiere ich Nachfrageverluste oder Unverständnis bei Gästen. Warte ich zu lange, steigen meine Kosten schneller als meine Einnahmen. Hinzu kommt: Jede Preisanpassung bedeutet organisatorischen Aufwand.
In anderen Worten könnte man zum Cantillon-Effekt auch so zusammenfassen: Geldmengenerhöhungen sind nicht neutral. Sie verändern die Vermögensverteilung (siehe Artikel der Volkswirtin: Wie die zunehmende Ungleichheit und Geldpolitik zusammenhängen).
Fazit
Bei vielen Bürgern stellt sich aktuell das Gefühl gegenüber den Politikern von »die da oben« ein. Immer realitätsferner scheinen die Machthaber und Regierenden gegenüber dem Leben und den Sorgen der Normalbürger zu sein.
Wenn bestimmte Gruppen schneller und direkter von finanziellen Anpassungen profitieren, während andere ihre Einkommen unter deutlich schwierigeren Bedingungen erwirtschaften müssen, vergrößert sich die Kluft. Mit einem Blick auf die Geldpolitik und dem Cantillon-Effekt kann man diese erklären.
