
Das erste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe ist »Die Großzügigkeit der Felsenbirne – vom Glück des Schenkens« von Robin Wall Kimmerer. Es greift so viele Themen auf, die mich bewegen, sodass ich spontan eine sehr persönliche Rezension dazu verfasst habe – obwohl zwei andere spannende Bücher darauf warten, auf dieser Seite besprochen zu werden.
Robin Wall Kimmerer ist eine US-Amerikanische Biologin, Professorin für Umweltwissenschaften und Angehörige der Potawatomi-Nation. In ihren Texten verbindet sie wissenschaftliche Erkenntnisse mit indigener Weltsicht und erzählt von einer respektvollen, auf Gegenseitigkeit beruhenden Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In ihrem 2025 erschienenen Essay »Die Großzügigkeit der Felsenbirne« propagiert sie die sogenannte »Schenkökonomie«. Dies bezeichnet ein Wirtschaften, das auf Gegenseitigkeit, Dankbarkeit und Verantwortung beruht statt auf Gewinnmaximierung:
»Dankbarkeit und Reziprozität sind die Währung einer Schenkökonomie, und sie haben die bemerkenswerte Eigenschaft, sich bei jedem Austausch zu vermehren, ihre Energie vermehrt sich, wenn sie von Hand zu Hand gehen, ein echter erneuerbarer Rohstoff.«
Den Naturkreislauf und das inhärente Prinzip der Schenkökonomie erklärt sie anhand des Beispiels der Felsenbirne: »Ohne Schenkbeziehung mit Bienen und Vögeln würden Felsenbirnen von der Erde verschwinden.«
Gaben der Natur werden nicht als Besitz verstanden, sondern als Geschenke, auf die der Mensch mit Achtsamkeit, Pflege und Weitergabe antwortet:
»In einer Schenkökonomie versteht man unter Reichtum, genug zu haben, um zu teilen, und der praktizierte Umgang mit Überfluss besteht darin, ihn weiterzureichen.«
An dieser Stelle eine persönliche Anekdote: Als ich vor bald 15 Jahren das Laufen für mich entdeckt habe, war das zeitgleich die Entdeckung der Natur: Des Draußenseins, der Jahreszeiten, Wetterlagen, Stimmungen. Ein echtes Aha-Erlebnis. Als vor gut zehn Jahren mit dem Hauskauf den Gemüsegarten kam und ich seither mein eigenes Gemüse anbaue, wird das Wunder des Wachsens in der Natur greifbar. Und vor drei Jahren begann meine Mutter, eine Ausbildung zur Wildkräuterpädagogin zu machen, seither sammelt sie leidenschaftlich alles, was sie draußen findet. Und hat mich damit angesteckt. Auf den Wiesen kann ich nun viel mehr Pflanzen benennen. Ich glaube, auch das hat mich naturverbundener gemacht. All das scheint mir eine gute Grundlage, um die Sichtweise von Robin Wall Kimmerer wirklich zu verstehen und warum ihr Buch mich sofort packt.
Dabei spricht die Autorin auch den Bezug an zu den Dingen, die wir ernten und konsumieren. Ein Thema, das mich schon seit langem beschäftigt und über das ich bereits vor über 10 Jahren beschäftigt hat. Kurz nachdem ich mir ein Haus auf dem Land gekauft habe, schrieb ich auf meinem Blog einen Artikel mit dem Titel: »Der Bezug zu dem, was ich tue und konsumiere«. In meiner eigenen Geschichte »750 Meter Glück«, die im vergangenen Jahr erschienen ist, habe ich diesem Thema ebenfalls ein eigenes Kapitel gewidmet. Selbst Gemüse anzubauen, Brot zu backen, einen Adventskranz zu binden, das sind alles einfache Tätigkeiten, die mir diesen Bezug zurückgeben.
Dann bringt Kimmerer das Beispiel ihrer Nachbarn, die eine Farm betreiben und ihre Ernte verkaufen – was sie ausdrücklich als legitim bezeichnet. Das erinnerte mich sofort an mein eigenes Unternehmen, die Black Forest Lodge. In meinem jüngst veröffentlichten Jahresrückblick 2025 betone ich, wie sehr mir die Lodge am Herzen liegt – und wie viel Energie sie mich gleichzeitig kostet. Der folgende Satz aus Kimmerers Buch trifft meine Motivation dennoch ins Mark:
»Ein gutes Gefühl ist der eigentliche Mehrwert. Selbst wenn für eine Ware bezahlt wird, bleibt das Geschenk der Beziehung damit verbunden.«
Ja genau, deshalb führe ich meine Lodge. Und ich beobachte immer wieder: Wann immer jemand etwas mit Leidenschaft tut, es wird (von bestimmten Leuten) gesehen. Und das zählt.
Robin Wall Kimmerer nennt weitere Beispiele bereits existierender Schenkökonomien: Bücherschränke, Regale mit Lebensmitteln zum Verschenken. Sofort habe ich das Bild von Stuttgart vor Augen. Eigentlich finde ich die Stadt nicht besonders reizvoll, aber bei einem Besuch vor ein paar Jahren standen vor einigen Häusern Kisten mit schönen Dingen und Büchern, versehen mit einem Schild: Zu verschenken. Auch das ist gelebte Schenkökonomie.
»Ist es nicht Zeit für ein anderes System?« – diese Frage stellt die Autorin. Dabei nähert sie sich den wirtschaftswissenschaftlichen Paradigmen mit einer sympathischen, aber notwendigen Naivität und zugleich mit kritischen Fragen. Ich selbst habe erst nach meinem Studium der Volkswirtschaftslehre erschrocken festgestellt, dass ich viele Narrative und Annahmen der gelehrten Modelle nie hinterfragt hatte – etwa die Frage nach ewigem Wirtschaftswachstum. Erst neulich habe ich diese in einem Artikel beleuchtet. Die Antwort: Im aktuellen System ja.
Wie kommen wir also zu einem anderen System? Wie können wir etwas ändern? Der Ansatz von Robin Wall Kimmerer deckt sich mit dem, was ich mir selbst vorgenommen habe: im Kleinen anfangen, im eigenen Wirkungskreis wirken und das große, unkontrollierbare Ganze bewusst ausblenden.
Ja, ich glaube, dass unser System durch die immer steigende Verschuldung letztendlich aufgrund von Geldentwertung irgendwann zusammenbrechen wird. Dies ist eine Hypothese meinerseits ohne konkreten Zeitpunkt. Egal: Man kann sich auf das Hier und Jetzt fokussieren und beginnen so zu handeln und zu leben, die man es vertreten kann.
Es ist weder völlig realitätsfern noch naiv – kein Widerspruch, im jetzigen System mit gutem Beispiel voranzugehen:
»Es steht in unserer Macht, parallel zur Marktwirtschaft solche Netze der gegenseitigen Verwobenheit zu knüpfen.«
Immer wieder fällt der Begriff »Dankbarkeit«. Und genau diese Dankbarkeit habe ich mir vorgenommen, als Haltung gegenüber dem Leben zu praktizieren.
In diesem Sinne, liebe Leser: Gehen Sie/geht in der Natur spazieren, seid dankbar und behandelt alles und jeden mit Wertschätzung. Und natürlich alles Gute für 2026.